#1

GESCHICHTEN aus VINYL - Teil 1

in Off-Topic 03.08.2009 19:47
von HH aus EE (gelöscht)
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Kurzgeschichten aus Vinyl - Teil 1


Bei mir im Regal steht ein Büchlein. Es hat rund 760 Seiten, Paperback und ist knappe 6 cm dick. Der Autor, MICHAEL OCHS aus den USA, stellt in „1000 Record Covers“ die schönsten LP-Cover aus seiner Sammlung von den 50ern bis zum Ende der 80er vor.
In der Einleitung beschreibt er den Weg, wie er von seiner ersten Platte bis zu den rund 100.000 Platten seiner Sammlung gekommen ist.

Bei mir sind es nicht ganz so viele, aber gemessen an den Möglichkeiten, die wir zu DDR-Zeiten hatten und dem, was mir finanziell zur Verfügung stand, ist bei mir seit Mitte der 60er auch einiges in die Regale gelangt. Was bei MICHAEL OCHS aber viel wichtiger ist, jedenfalls aus meiner ganz persönlichen Sicht, sind nicht so sehr die vielen schönen Cover in seinem Buch, sondern die Geschichten, die an so mancher Scheibe hängen.

Das ist es, was ich mit ihm und wahrscheinlich mit vielen anderen Sammlern der runden schwarzen und farbigen Vinyl-Scheiben gemeinsam habe. Es ist oft nicht so sehr die Musik, sondern in hohem Maße sind es die Geschichten, die sich mit so mancher Schallplatte verbinden und die dadurch einen sehr persönlichen Wert erhalten.

Welche meine erste Platte war, die ich mir kaufte, weiß ich heute nicht mehr so genau. Zwei Singles der Dresdner THEO SCHUMANN COMBO, „Barcarole“ und „Brockenhexe“ von 1966, gehören auf jeden Fall dazu.
Aus dem gleichen Jahr habe ich noch immer das „Lied von den Träumen“ von TEAM 4. Noch älter, nämlich von 1964, ist die Single von den DDR-AMIGOS mit dem Beatles-Cover „Komm gib mir deine Hand“. Diese AMIGOS bitte nicht mit den beiden grauhaarigen Rumpelstilzchen aus Bayern verwechseln!
Auch die Single mit dem „Tennesee Waltz“ von 1965, gesungen von Bert Hendrix, gehört zu diesen alten Stücken.

Eine der ersten LP’s, an deren Kauf ich mich tatsächlich erinnere, ist die vom „Omega Ensemble Budapest“. Die stand damals als spezieller Ungarischer Import für die DDR im Plattenladen in der Lange Straße in Elsterwerda tagelang direkt vorn im Schaufenster. Ich hab’ wie verrückt Altpapier und Flaschen weggebracht, dafür gab’s die meiste Knete, um die 16,10 Mark für die Platte zusammen zu kratzen. Dies war meine erste Omega-LP.

Anfang der 70er, die Fahne lag hinter mir, hab’ ich mein erstes eigenes Geld verdient. In jenen Jahren bin ich regelmäßig sonnabends mit der Bahn nach Berlin gefahren, um in den Tschechischen, Polnischen und Ungarischen Kulturzentren nach neuen Platten zu sehen. Auf diese Weise bin ich zu den Originalplatten aus den Nachbarländern gekommen, habe aber auch so manches seltenes Stück mitgenommen, wie ich heute weiß.
Eine dieser Scheiben war die der Englischen LONDON BEATS auf Muza. Das Teil ist heute ein gesuchtes Sammlerstück.

Mein Vater, der ein begeisterter Briefmarkensammler war, bekam ständig Post aus aller Herren Länder. Die meisten davon waren sogenannten „Rundbriefe“, die man nur schnell und gut frankiert an den nächsten Adressaten auf einer beigefügten Liste irgendwo in der Welt weiterleiten mußte. Ich glaube, daß ich manchmal ziemlich lästig war mit meiner Bitte, doch diese Sammler zu fragen, ob sie nicht auch mal eine Schallplatte statt Briefmarken schicken würden. Mein alter Herr hatte ziemlich oft ein Einsehen und hat meinem Drängen nachgegeben.

Die erste „Platte“, das weiß ich noch, als wäre es gestern geschehen, die ich auf diesem Wege bekam, war eine Flexi-Disc aus Polen mit „Sloob John B.“ von den Beach Boys sowie „Pied Piper“ von Chrispian St. Peters. Meine Erinnerung ist deshalb so deutlich, weil dieses Ding morgens in meinem Nikolausstiefel steckte und der 6. Dezember außerdem der Geburtstag meines Vaters war. Die „Platte“ habe ich noch immer und mein Vater hat sowieso einen besonderen Platz in meinem Herzen. Nicht nur deswegen, aber natürlich auch.

Auf gleichem Wege, nämlich durch einen Briefpartner aus Ungarn, bin ich zur legendären Ungarischen Original-Single „Szines Ceruzak“ („Farbstifte“) von Zsuzsa Koncz & Illes gekommen.
Auch meine Lieblingssingle der Czerwone Gitary aus Polen mit der Originalaufnahme von „Anna Maria“ kam von einem Briefpartner meines Vaters.

Eines meiner Lieblingsstücke aus dieser Kategorie ist eine Brasilianische Platte von MILTON NASCIMENTO von 1980. „Sentinela“ kam via Luftweg direkt aus Rio zu mir. Lange, ehe Paul Simon oder Peter Gabriel die „Weltmusik“ für sich „entdeckten“, hatte NASCIMENTO mit WAYNE SHORT musiziert und war schon vorher in Brasilien ein Star. Die Platte dreht sich seit 1981 auf meinem Plattenteller.
Die wahren musikalischen Perlen liegen abseits aller Wege des Mainstream, erst recht nicht in Verkaufscharts!

Ein Stück möchte ich nicht unerwähnt lassen. Es geht um die „Bilder einer Ausstellung“ von Mussorgski. Wir wurden damals alle spätestens 1972 durch die Live-Einspielung und Bearbeitung durch EMERSON, LAKE & PALMER aufmerksam gemacht. Jeder Plattensammler hat sicher diese epochale Scheibe von ELP.
1975 machte der Japaner ISAO TOMITA mit seiner elektronischen Bearbeitung der „Bilder“ auf sich aufmerksam. DANK meines Vaters hatte ich das Japanische Original noch im gleichen Jahr. Ich war stolz wie Bolle!

Eine Episode anderer Art ist mit meiner LP „Les Swingle Singers“ auf ETERNA von 1966 verbunden. Diese Platte der Französischen Bach-Vocal-Interpreten hab’ ich damals verpaßt. Es kann auch Geldmangel gewesen sein.
Erst Jahre später, zu Beginn der 80er während eines Lehrganges, habe ich einem Freund erzählt, daß mich u.a. diese Platte interessiert, sie aber nirgends zu finden sei. Mit einer Flasche Bier in der Hand werden unter Männern viele belanglose Geschichten erzählt. Als wir uns am letzten Tag des Lehrganges alle voneinander verabschiedeten, tat er es mit dieser LP in der Hand. Deshalb steht auf meiner auch „für Hannes“, obwohl ich ja ganz anders heiße.

Eine Geschichte ganz besonderer Art ist die, wie ich zu DDR-Zeiten zu mehreren hundert Englischer Original LP’s kam. Darunter die Platten von Queen, Deep Purple, Cockney Rebel, Kate Bush oder den Strawbs. Auch gänzlich unbekanntes findet sich: Roy Harper, Nick Drake, Curved Air, Argent oder Incredible String Band.
Die Geschichte meines Freundes DAVID in Schottland ist etwas einmaliges, das einem wirklich nur ein einziges Mal im Leben passiert. Aber wenn es passiert, dann prägt es für den Rest des Lebens. Das alles begann mit dem Datum seines ersten Briefes an mich. Das war der 10. August 1971. Diese Geschichte werde ich gesondert erzählen, um einer besonderen Freundschaft einen besonderen Platz zu geben.


Angefügte Bilder:
14 Ochs 1_556_800.jpg
15 Ochs 2_800_613.jpg
1 Theo Schumann_800_779.jpg
2 Team 4_800_784.jpg
3 Koncz_780_800.jpg
4 Cz. Gitary_800_798.jpg
5 Flexi_700_800.jpg
6 Amigos_800_796.jpg
7 Hendirx_800_789.jpg
8 Omega_800_568.jpg
9 London Beats_800_559.jpg
11 Nascimento_800_562.jpg
12 Tomita_577_800.jpg
13 Swingle Singers_800_563.jpg
zuletzt bearbeitet 03.08.2009 19:50 | nach oben springen

#2

RE: GESCHICHTEN aus VINYL - Teil 1

in Off-Topic 04.08.2009 17:49
von PM | 4.235 Beiträge | 5060 Punkte

Hoch interessante Sache, ich warte auf Fortsetzung.
Bin nun richtig froh, dass ich unsere alten Platten nicht weggeworfen habe - auch wenn es keine Raritäten sind.


Klick mal druff hier:

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#3

RE: GESCHICHTEN aus VINYL - Teil 1

in Off-Topic 04.08.2009 21:46
von Kundi (gelöscht)
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Ich habe Hartmuts Exkurs in die Geschichte(-n) seiner Sammlung mit Interesse und Vergnügen gelesen.
Bei einigen Namen bin auch ich in die Erinnerung versunken.Es gibt halt Leute und Dinge, die man sein Leben lang nicht mehr vergißt. Da wäre zum Beispiel Bert Hendrix, sein "Der Fahrstuhl ist kapputt" war zusammen mit Thomas Lück's "Das war im Jahr 1199" auf einer AMIGA-Single. Das muss noch lange vor meinem Schulanfang gewesen sein, etwa Ende der 60er Jahre. Die Lieder haben sich so in mein Gedächtnis eingebrannt, die gehen mir heute noch manchmal durch den Sinn.
Diese und andere grauenhafte Scheiben fanden sich damals im Plattenschrank meiner Eltern.
Tomita's wunderbare LP "Pictures At An Exhibition" kam Anfang der 80er Jahren als Lizenzausgabe bei AMIGA raus und den elektronischen Klängen des Japaners lauschte auch ich damals andächtig.
Hach, sind solche Erinnerungenm nicht schön??

Lieber Hartmut,

bitte blättere weiter in Deinem Buch der Erinnerungen. Ich freue mich schon auf die Fortsetzung.
...und wer weiß, vielleicht erinnere ich mich da auch wieder an etwas.

LG Kundi

zuletzt bearbeitet 04.08.2009 21:47 | nach oben springen

#4

RE: GESCHICHTEN aus VINYL - Teil 1

in Off-Topic 09.08.2009 10:58
von Sonny | 1.752 Beiträge | 2059 Punkte

Das sind die Geschichten, die das Leben schreibt. Im Augenblick des Geschehens weiß das selten jemand, deshalb ist die nachträgliche Betrachtung so beeindruckend.


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Doch die Zeiten ändern sich. Ob wirs mögen oder nicht. Alles hat seine Zeit.

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