#1

Hommage für KLAUS RENFT - SCHIRNECK in Weixdorf

in Konzertberichte Ostrock allgemein 21.02.2010 16:32
von HH aus EE (gelöscht)
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Hommage für Klaus Renft – Andreas Schirneck im Dixie-Bahnhof Weixdorf

Man ist ja zuweilen geneigt, vergangene Jahre, erst recht die Zeit der Jugend und Aufmüpfigkeit, ein wenig zu verklären und ein eigenes Bild daraus zu basteln. Das ist völlig in Ordnung, wenn dabei nicht für andere ein Bild gezeichnet wird, das mit der einstigen Realität so gar nichts mehr zu tun hat. Das geschieht ab und an, aus welchem Grund auch immer.

Diese Gefahr bestand am gestrigen Abend im Weixdorfer Dixie-Bahnhof nicht, als ANDREAS SCHIRNECK versuchte, ein gedankliches, bildhaftes und akustisches Bild von KLAUS RENFT zu skizzieren. Der Musiker und Sänger Schirneck war über mehrere Jahre mit dem Mann, der RENFT in Person war, auf den Bühnen unterwegs und war ihm in dieser Zeit bis zu seinem Krebstod 2006 auch privat sehr nahe. Man durfte also erwarten, etwas zu erfahren, das dem eigenen Bild der „Renft’schen Bassgitarre“ nahe kam und es vielleicht auch ergänzen konnte. Entsprechend neugierig war ich auf das, was da auf mich zukommen würde.

Diese Erwartungen wurden in der ersten Hälfte des Abends in großen Teilen erfüllt, wenngleich man schon in dieser Zeit gelebt haben musste, um das eine oder andere Detail auch wirklich verstehen zu können. Ein Blick in die Stuhlreihen konnte meine Bedenken dann aber doch ein wenig zerstreuen, denn jemand unter 40 (?) war, bis auf eine Ausnahme, nicht auszumachen. Man muss die späten 60er schon selbst und bewusst miterlebt haben, die Studentenbewegung im Westen zum Beispiel oder die Nachrichten vom Vietnam-Krieg und die, vom Bau der Mauer in Berlin, um Nachempfinden zu können, wie sich so etwas im eigenen Leben von Menschen und im damaligen Umfeld angefühlt haben muss. Das war mitunter sehr differenziert und individuell recht unterschiedlich und auch bildhafte Worte können da nur begrenzt weiter helfen.

Schirneck und seine Partnerin nutzten Bild- und Tondokumente, lasen aus Protokollen der Stasi und zeigten seltene historische Filmdokumente aus Leipzig, aus all dem man dann, einem Puzzle gleich, eigene Erfahrungen erneuern oder ergänzen konnte. Da stand dann gedanklich JENNI noch einmal vor mir, wie er auf der Bühne in seine Bassgitarre stieg und sie mit geschlossenen Augen spielte. Ich hörte ihn noch einmal von seiner Vorstellung von „Beatmusik“ reden und glaubte, noch einmal mit ihm über Gott, die Welt und die Frauen zu diskutieren, wie einst in den 70er Jahren am Tresen vom Gesellschaftshaus oder hinter der Bühne.
Seine Zuwendung zu alkoholhaltigen Getränken und die der Band wurden noch einmal lebendig und der Bandalltag nahm Konturen an. Ich konnte mich wieder gut an den voll gepackten Anhänger erinnern und daran, wie stickig die Luft im Saal war, in der das „Lied von der alten Woche“ erklang und die fünf Herren „Power To The People“ von John Lennon in die Massen brüllten, wie CÄSAR „Lady Jane“ allein sang und spielte, während die anderen noch ihr Glas leerten.

Vor meinen Augen flimmerten noch einmal die Bilder aus „Saitenwechsel“ vorüber und wie ich nach der politischen Kertwendung in irgendeinem Laden, die neue Live-LP der KLAUS RENFT COMBO erstand. Wie aus einem fernen Radio hörte ich Nachrichten von Konzerten gleich zweier Renft-Bands und sah noch einmal die Bilder aus dem Pfarrhaus in Löhma, wohin es JENNI in seinen letzten Jahren gezogen hatte. Dort, wo er es sich gemütlich machte, wo er sich der Malerei versuchte hinzugeben und wo er eigentlich begraben sein wollte. Noch einmal stand ich vor seinem Grab und sah mich mit anderen im Leipziger ANKER „auf seinem Grab tanzen“. All das holte Schirneck noch einmal aus den Tiefen meiner Erinnerung hervor, ließ es vor meinen geistigen Augen entstehen und ließ mich auch wieder bewusst werden, wie schmerzhaft der Verlust sich anfühlt, wie sehr JENNI, sowie all die anderen Weggefährten, im Heute fehlen.

Obwohl es eine Pause gab, verstärkte sich dieser Eindruck dann noch einmal, als ANDREAS SCHIRNECK zur Gitarre griff und einige jener Lieder erklingen ließ, so “Als ob nichts gewesen wär“.
Noch einmal meinte ich, Pjotr zu hören und zu sehen, als er die „Kinder im Krieg“ zur Gitarre sang und dieses eindringliche „Fluche Seele fluche“ erinnerte mich an einige geniale Zeilen von Gerulf Pannach und seinen Partner Kuno Kunert. Es erklang die x-te Version von „Sonne wie ein Clown“ und das holprige Bass-Spiel von Jenni auch.
Schirneck’s Stimmlage kommt der vom einstmals blonden KUNO nahe und weil sie außerdem ein Timbre wie das eines Neil Young hat, ging mir „Helpless“ so richtig unter die Haut und machte mein DEJA VU an diesem Abend sehr intensiv und nachhaltig, zumal er außerdem KUNO’s Version von „Eve Of Destruction“ aus den 60ern folgen ließ, jenen Song von Barry McGuire, der den 68ern aus der Seele geschrieben scheint. Verdammt, wo sind nur all die Jahre hin, „Where have all the good times gone?“, wo sind diese Aufbruchstimmung und diese Kreativität in der Musik geblieben?

Wer RENFT würdigt, muss CÄSAR wenigstens nennen, jenen Mann, der für viele selbst noch nach seinem Tod mit der KLAUS RTENFT COMBO nahezu identisch ist, so wie andere MONSTER’s robuste Stimmgewalt verehren. Kein Wunder also, dass einige hinter mir beherzt und textsicher beim „Baggerführer Willi“ mitsangen und nach „Besinnung“ gemeinsam schwiegen. Die Hommage an KLAUS RENFT ging dennoch fröhlich und mit dem „Gänselieschen“ dem Ende entgegen, die Gespräche und Erinnerungen allerdings, dauerten noch eine Weile. Da hatte jeder mit seinen ganz eigenen Assoziationen und Erinnerungen zu tun.

Was ist nicht schon alles über KLAUS RENFT und seine Combo geschrieben worden, einschließlich der ständig schwelenden „Auseinandersetzungen“ zwischen Renft- und Puhdys-Fans. So weit ich mich in die Jahre zurück versetzen kann, war das noch nie mein Ding und das vieler anderer auch nicht, die ich kenne. Es wird wohl auch nicht mehr meines werden. Die Welt war damals übrigens auch nicht in Beatles- und Stones-Fans eingeteilt.
Was mir bleibt ist die Erinnerung an eine bewegte Jugend, an Musik, die noch heute lebt, gleich, wer sie auf der Bühne spielt und singt. Mir bleibt die Gewissheit, das alles erlebt zu haben und die kleine Freude ebenfalls, zu erleben, wie so mancher Fan von damals seine Kinder im Heute an diese Musik und ihre Botschaften heranführt, so wie dies gestern ein Vater mit seiner kleinen Tochter tat und ich gemeinsam mit meinem Sohn praktiziere. Genau das machte Andreas Schirneck gestern als Künstler und Zeitzeuge auf eine Weise, die ich mir öfter und vor allem in den Medien für eine breitere Ziel- und Interessentengruppe wünschen würde. Bleibt mir nur noch zu hoffen, dass diese Zeilen zum Beispiel zufällig jemand von der „neu auszugestaltenden“ Melodie & Rhythmus liest und auch versteht, dann wäre mir um die Zukunft des „Ostrock“ und die des legendären Musikmagazins ein Stück weniger bange.

Angefügte Bilder:
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zuletzt bearbeitet 21.02.2010 16:34 | nach oben springen

#2

RE: Hommage für KLAUS RENFT - SCHIRNECK in Weixdorf

in Konzertberichte Ostrock allgemein 21.02.2010 16:43
von Bernd (gelöscht)
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Danke lieber Hartmut, das ist wieder Gänsehaut pur beim Lesen.
Wunderbar, daß es noch Zeitzeugen gibt, die es an das Publikum weiter geben.
Diese Zeilen werden nicht nur für das neue "MuR" - Team interessant sein, sie sind eine Bereicherung für uns alle.

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#3

RE: Hommage für KLAUS RENFT - SCHIRNECK in Weixdorf

in Konzertberichte Ostrock allgemein 21.02.2010 18:14
von Kundi (gelöscht)
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Das muss ja wirklich eine tolle Geschichtsstunde gewesen sein. Hartmuts Bericht zeichnet uns ein wunderbares Bild von diesem Abend. Aber auch hier wird wieder unser Problem deutlich, welches Konzerttermine heißt. Man kann nicht überall dabei sein.

LG Kundi

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#4

RE: Hommage für KLAUS RENFT - SCHIRNECK in Weixdorf

in Konzertberichte Ostrock allgemein 21.02.2010 18:32
von axel (gelöscht)
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danke hartmut für diesen wundervollen bericht. ja, renft ist nicht irgendwas, es ist etwas, was ich in meinem leben nicht missen möchte. leider habe ich die musiker erst im neuen jahrtausend kennengelernt. aber intensive konzertbesuche haben mir renft, seine musiker und das gefühl "renft" nahegebracht. ich kann hier nichts hinzufügen, was hartmut nicht schon toll beschrieben hat. bin dankbar, alle renftler kennengelernt zu haben. es war eine wundervolle zeit, die hoffentlich noch lange währt.

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#5

RE: Hommage für KLAUS RENFT - SCHIRNECK in Weixdorf

in Konzertberichte Ostrock allgemein 21.02.2010 19:06
von Mary (gelöscht)
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Ich pflichte Kundi bei.., Termine, Termine Termine. Man müsste sich klonen können.

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