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Faszinierend anders - MARI BOINE live 2006

in Off-Topic 21.04.2010 18:47
von HH aus EE (gelöscht)
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Faszinierend anders - Mari Boine live in Berlin am 8.11.2006

Wenn bei uns im Wohnzimmer die Mattscheibe flimmert, dann sind es, was mich betrifft, sehr oft Reportagen über andere Länder, entlegene Regionen, über die Menschen, die dort leben, deren Kultur und Bräuche. Dieses Anderssein und die Ursprünglichkeit fernab unseres „hochzivilisierten“ und karrieregeilen Rasens zum „Erfolg“ ist es, was mich interessiert. Dort hole ich mir manchmal die Gewissheit, dass es zu unserem Lebensstil doch noch Alternativen gibt, auch wenn ich sie mir nicht leisten kann oder mir inzwischen vielleicht auch der Mut fehlt.

Es ist schon ein paar Jahre her, als ein Bericht über ein Folklore- und Musikfestival irgendwo im hohen Norden, in Skandinavien gezeigt wurde. Dabei stand eine mir völlig unbekannte Sängerin im Mittelpunkt des Geschehens, deren Musik mich förmlich elektrisierte. Diese Musik klang völlig anders als das, was ich unter Folk im weitesten Sinne bis dahin verstand und strahlte etwas von Mystik und fremder Schönheit aus. Von jenem Tag an begann ich, zu suchen und mich zu interessieren. Was ich fand, fasziniert mich bis zum heutigen Tag und immer wieder neu.

MARI BOINE ist Samin und kommt aus der Region, die bei uns fälschlich Lappland genannt wird. Diesem, ihrem eigenen Volk der Sami im Norden, fühlt sie sich zutiefst verpflichtet. Sie singt vorwiegend in dieser Sprache, nutzt die alte Ausdrucksform der Joik-Gesänge und benennt in ihren Texten die Leiden und Freuden ihrer Landleute. Ihre Lieder erzählen von der Geschichte der Sami in Norwegen, von der Tradition und vom Leben in der Moderne und den Konflikten, denen sie sich stellen müssen, weil andere in ihnen etwas Minderwertiges sehen. Mit ihrer ganzen Persönlichkeit als Künstlerin setzt sie sich für ihr Volk ein, das, ähnlich wie die Indianer in Nordamerika und die Urvölker Sibiriens, immer unter der Herrschaft der Mehrheit zu leiden hatte.

Auf ihrer wohl bekanntesten CD „Gula Gula“ verarbeitet sie genau dieses Thema und den Bezug zu „Mutter Erde“, der diesen Naturvölkern so lebenseigen und kulturell wichtig ist. Die Ureinwohner unseres Planeten waren es auch, die zuerst die Zerstörung unserer Erde durch rücksichtslose Vermarktung natürlicher Ressorcen aussprachen und den zerstörerischen Umgang mit der Natur, und damit der Lebensgrundlage vieler Naturvölker, kritisierten, lange bevor digitale Messinstrumente aus dem All uns ein Bild davon liefern konnten.
MARI BOINE versteht sich als Teil dieses Denkens, behütet die Traditionen ihres Volkes und bewegt sich dennoch sicher und selbstbewusst mit ihren künstlerischen Ausdrucksformen im Heute.

In der Folgezeit hab’ ich mir nach und nach ihre Platten bzw. CDs zugelegt und mich in ihre Musik vertieft, so wie ich es vorher auch schon mit anderen gemacht hatte. Als im Jahre 2006 ihre neue CD „Idjagiedas“ erschien, ging sie damit auch auf Tour und gab am 8. November in Berlin, in der Kreuzberger Passionskirche, ein einzigartiges Konzert.

Versteckt inmitten der Kreuzberger Altstadt gelegen, ist die Passionskirche Gotteshaus und Kulturstätte gleichermaßen. Das Gebäude scheint wie geschaffen für besondere künstlerische Begegnungen, zumal dann, wenn sie wie in diesem Fall auch aus einem anderen Musikuniversum zu kommen scheinen und Botschaften von alten Kulturen mitbringen und erzählen.

Mit Konzertbeginn ist der große Innenraum in dunkelrotes und auch blaues Halbdunkel getaucht, so, wie es vielleicht auch im Skandinavischen oder Sibirischen Norden manchmal erstrahlt, wenn die Sonne auf- oder untergeht. Man fühlt sich versetzt in eine andere Welt mit langsamer Zeit und beinahe unmerklich, dann immer intensiver, beginnt ein dicht gewebter Soundteppich zu pulsieren. Fremdartige Grooves breiten sich aus, vermischt mit einzigartig fremden Samples, die das Ohr erreichen.
MARI BOINE betritt das Podium mit einer großen roten Stola über der Schulter und eröffnet das Konzert mit dem hypnotischen „Gula Gula“ von der gleichnamigen CD. Ihre Stimme mit wahrlich magischer Kraft zieht mich in ihren Bann und die kleine Frau wird von einer Aura umgeben, die nur mit Magie zu umschreiben ist. Der Titelsong des Albums „Gula Gula“ entführt weit weg, wenn man es zulässt und dennoch klagen die Texte das Heute an. Sie formulieren Verbitterung über nicht gehaltene Versprechen der Politik, wenn sie den Umgang mit den Sami in Norwegen thematisiert. Diese Musik ist berauschend schön, sehr intensiv aber keine leichte Kost.

MARI BOINE entführt ihre Gäste auch in die Welt der schroffen Berge und Fjorde Norwegens und lässt uns mit den Augen von „Eagle Brother“ von oben und im Flug auf ihre Heimat sehen, auf die sie so stolz ist. In diesem Momenten breitet sie die Arme mit der Stola weit aus und man meint, mit ihr hoch oben zu kreisen und die Welt mit den Augen von „Bruder Adler“ zu sehen. Sie taucht mit uns ein in die Welt der Sagen, begleitet von einer eindringlich spielenden Begleitband, auf deren Grooves und Rhythmen sie uns mit den faszinierenden Joik-Gesängen entführt in die Welt ihrer Vorfahren. Sie begleitet uns auf eine Reise in die Weiten der Wälder und Sümpfe, in die Tundra, dorthin, wo sie zu Hause ist. Man hört fremdartige Musik und fühlt sich dennoch in ihr zu Hause und wohl behütet.

Beim Titelsong der (damals) neuen CD „Idjagiedas“ möchte man sich in Trance gleiten lassen, wie von einer magischen Kraft gezogen und von pulsierenden urgewaltigen Grooves getrieben hinein „In die Hand der Nacht“, so in etwa der Albumtitel in deutsch. Die kleine Zauberin da vorn flüstert wie eine Schamanin, dann schwebt ihre Stimme, so bei „Suoivva“ (Schatten), im Kirchenraum und lässt ihn leicht erbeben. Der Zauber des Joikens, diese kehligen Laute, die wie beim Jodeln umkippen, um zu locken oder zu schreien, zieht uns alle in seinen Bann. Das pulsierende „Davvi Bavttiin“ ist so ein Hauch fremder Magie in Tönen. Oftmals merkt man gar nicht, wenn so ein Musikstück zu Ende ist, weil es irgendwo im großen Raum nachhallt.

MARI BOINE erzählt in englischer Sprache, plaudert mit dem Publikum kurzweilig über die Musik, erzählt Geschichten aus dem Leben der Sami, macht so die Töne und Sprache verständlicher. Ich fühle mich in dieser heraufbeschworenen Ferne aufgehoben, ja heimisch.

Der eigentliche Höhepunkt dieses Konzertabends jedoch war etwas völlig anderes, das nur eingeweihte Fans der Künstlerin wissen konnten. Erst als die Band an das Ende eines Songs die Melodie von „Happy Birthday“ intonierte und einer der Musiker an das Mikrofon trat, um MARI BOINE zu ihrem 50. Geburtstag zu gratulieren, war die Überraschung perfekt. Zwar schien das der kleinen Dame nicht wirklich recht zu sein, doch von da an verlief der Rest des Konzertes irgendwie euphorischer und heftiger als zuvor. Ein Bann schien gebrochen und MARI BOINE & Band liefen zu Höchstform auf. Am Ende versuchte die Künstlerin gar, den Anwesenden einfache Joik-Gesänge beizubringen. Es hat einfach nur höllisch Spaß gemacht, Danke MARI.

Am Abend ihres 50. Geburtstages, die Jahre sieht man ihr übrigens in keiner Weise an, ließ sie es sich nicht nehmen, nach dem Konzert noch geduldig Autogramme zu schreiben und mit jedem ein persönliches Wort zu wechseln. Wenn das Beispiel machen würde, nicht auszudenken…

Wie kaum jemand anders versteht es MARI BOINE mit ihrer Band den Spagat zwischen leiser Elektronik und Computers-Samples einerseits sowie pulsierenden Rhythm’n’Grooves und abwechslungsreichem Saitenspiel exotischer Instrumente sowie diverser Trommeln andererseits zu einer einmaligen Mixtur zu verschmelzen. Ihre Stimme und der typische Gesangsstil der Sami ist das Medium, das alles miteinander verschmilzt und zu einer betörenden heißflüssigen Melange werden lässt. Das macht süchtig.
In den Momenten, da sie sich selbst völlig in diese Musik fallen lässt und mit dem berauschen Joik-Gesang einen anderen Musikkosmos öffnet, ist sie der Schamane aus einer anderen Welt. Dann ist Musik wie heilender Balsam auf den von der Zivilisation geschundenen Seelen, dann kann man die Kraft des Ursprünglichen spüren, zumindest aber hören. Man muss es nur wollen und bereit sein, das Fremde zuzulassen.
Für einen kurzen Wimpernschlag meines Lebens erlag ich diesem Zauber und seit er vorüber ist, sehne ich mich nach ihm.
Die Tour 2009 habe ich leider verpasst und das letzte Konzert in der Passionskirche auch. Doch meine Augen werden wie die vom „Eagle Brother“ kreisen und warten. Bis zum nächsten Mal und dann würde ich Euch alle einladen wollen auf eine Reise dorthin, wo und was wir alle einst waren – Natur und Klang.

Angefügte Bilder:
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zuletzt bearbeitet 21.04.2010 18:49 | nach oben springen


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