#1

Leise Giganten auf Tour - THE DUBLINERS live in Dresden

in Off-Topic 28.11.2010 17:02
von HH aus EE (gelöscht)
avatar

Zu spät, um aufzuhören - The Dubliners live in Dresden

Möchte man bestimmte Musikrichtungen oder Stile richtig verstehen, muss man ab und an zu ihren ursprünglichen Wurzeln zurück. Ohne je die Beatles, Rolling Stones oder Bob Dylan gehört zu haben, bleibt auch das Verständnis für die Spielarten aktueller Rockmusik, selbst für den sog. „Ostrock“, nur Halbwissen. Zudem glaube ich, dass der Zugang zur Musik von Haase, Wacholder, Wader, Gundermann oder Shawue ein anderer wird, wenn man die Originalklänge von Irish Folk Music im Ohr hat.

Deren wohl berühmtesten Vertreter sind die 1962 als Ronnie Drew Ballad Group in Dublin gegründeten DUBLINERS mit ihren damals überwiegend Gälischen Balladen. Über Jahrzehnte verkörperten die wechselnden Besetzungen dieser traditionellen Folk-Gruppe eine Spielart, die später von Bands wie die Chieftains, Pogues, Clannad und Künstlern wie Enya oder Lorena McKenneth zeitgemäßer fortgesetzt wurde und auf äußere Einflüsse aus Amerika, Rock’n’Roll, Blues oder Soul, nicht angewiesen war, denn Irish Folk ist selbst eine der Wurzeln für den Baum der Moderne.
Hat man ein Mal den Virus dieser Musik entweder im Blut oder im Herzen, wird man ihn ein Leben lang nicht mehr los und versteht dann auch, warum deutsche Textzeilen wie „An der Nordseeküste“ bei vielen das Gefühl auslösen, sie hätten diesen Song schon immer gekannt. Richtig, denn die DUBLINERS machten die alte Volksweise „The Wild Rover“ schon viel früher zu einem fröhlichen Sauflied. Die Magie solcher Melodien wirkt über den ganzen Globus und wird in beinahe allen Sprachen in fröhliche Ausgelassenheit und harmonisches, friedliches Miteinander übersetzt.

Die DUBLINERS sind auf Tour, wie so oft, aber es bleibt die Frage, wie oft noch, auch wenn sie seit fünf Jahren unter dem Motto „ It’s too late to stop now“ steht. So manche prägende Stimme, wie die vom grauen Rauschebart und Gründungsmitglied RONNIE DREW, fehlt inzwischen. Diese Stimme, die klingt „als würde Kohle unter der Tür zermalmt“, war so etwas wie eines der Markenzeichen der DUBLINERS und wenn er fehlt, fehlt ein Teil und eine Stimme unwiderruflich. So konnte mein Entschluss nur sein, jetzt oder nie, denn ich hatte schon viel zu lange gewartet. Wenigstens ein einziges Mal im Leben die Faszination von „The Rare Old Times“, die Melancholie der „Molly Malone“ und die Urwüchsigkeit vom „Irish Rover“ live erleben zu können, wäre beinahe wie Makka & Ringo für zwei Stunden gemeinsam auf der Bühne….

Als wäre ich wie ein Jugendlicher zu Makka & Co. gepilgert, stehe ich schon zwei Stunden vor Konzertbeginn am Hintereingang des Kulturpalastes. Eine überaus nette Fee des Hauses hatte mir am Telefon geflüstert, wann die Herren eintreffen könnten. Auch ein Poster war für mich hinterlegt worden. DANKE, liebe Fee, das war eine schöne Bescherung vier Wochen vor dem Fest.
Im großen Saal des Hauses findet derweil ein Treffen der Generationen und Garderoben statt. Vor mir sitzt ein Dubliners-Junkie, in dessen freundlichem Aufgeregtsein ich mich selbst erkenne, während sich Junior neben mir mal wieder köstlich über seinen Alten, der seine Emotionen nicht mehr verbergen kann, amüsiert. Da sitzen wir also in der dritten Reihe und haben nichts besseres zu tun, als auf fünf graubärtige Männer zu warten, von denen ab morgen kaum einer, bis auf den Gast, unter 70 ist. Das zum Thema Legenden!

Doch dann sind sie da. Die Herren, die mir vor knapp einer Stunde noch gegenüber standen, nehmen ihre Instrumente und entführen uns in das unendlich weite Folk-Universum der grünen Insel, dorthin, wo Irish-Folk noch aus Quellen zwischen sattem Grün sprudelt und die Melodien und Rhythmen der Jigs & Reels vom Wind von Küste zu Küste geweht werden. Mit so einer Melodie, getragen von Fiddle, Banjo und Gitarren, beginnt die Reise und ob ich will oder nicht, in diesem Moment sind meine Gedanken auf den Schottischen Inseln, in Kirkwall bei meinem Freund DAVID, mit dem gemeinsam ich die Melodie von „Banks Of The Roses“ still mitsumme. SEAN CANNON, der Mann mit der glasklaren Stimme und dem trockenen Humor, kündet einen „Song über Männer, Frauen und Trinken“ an. Ein Mann, der von seiner Freundin ein Ultimatum gestellt bekommt, entweder Trinken oder ich, entscheidet sich, wie wohl sonst, für’s Trinken. Wir sind mitten im Leben, bei der Liebe und Frauen und das Auditorium in voller Begeisterung, die sich mit „Black Velvet Band“ (Schwarzes Samtband) ungebremst fortsetzt: „… and her hair hung over her shoulder, tied up with a black velvet band.“

So mancher im Saal mag sich an Manne Krugs „Flaschenzug“ erinnert haben, als SEAN mit schwarz-trockenem Humor die Irische Variante gesungen zum besten gibt. Genüsslich zelebriert der da oben jede Strophe und kann sich selbst kaum das Lachen verkneifen, als er Strophe für Strophe einen Krankenschein der besonderen Art besingt. Allein um das live erleben zu können, wäre ich nach Dresden gefahren

Wer kennt nicht die alte Seefahrer-Melodie „Rolling Home“, die in jeder kleinen Hafenkneipe zu Hause ist. Die DUBLINERS lassen die ursprüngliche und urwüchsige Melodie erklingen, die in ihrer rauen Ungeschliffenheit, weit weg von Volkstümelei, erst wirklich zu funkeln beginnt.
Ein Diamant ganz besonderer Art ist auch Urgestein BARNEY McKENNA. Der Mann gilt als der wohl beste Banjo-Spieler Irlands und seine Stimme ist wahrscheinlich das Echo der Brandungen, die an die felsigen Steilküsten der Insel schlagen. BARNEY, dessen kranker Körper schon seit Jahren STOP zu sagen versucht, dessen Seele eines Vollblutmusikers und Herz eines weisen Mannes uns alle mit warmen Worten und einem lebensfrohen Lachen berührt, versprüht dann mit „South Australia“ eine Ladung Lebensfreude, von der nur Nichtkenner überrascht sein können. Dieser ruppige a capella – Singsang reißt uns immer wieder zu Lachsalven hin, wenn er den Text mal eben so, aus purer Lust an der Freude, neu interpretiert. Dabei kann er sich auch bissige Seitenhiebe in Richtung Weltpolitik nicht verkneifen, was den Publikumsliebling noch sympathischer macht. Mit dem nachfolgenden Banjo-Solo demonstriert er seine instrumentalen Fertigkeiten. Wie dieser Typ mit seinen Fingern über die Banja-Saiten tänzelt und im Blackmore’s – Style die Läufe auch gleich mal von oben über den Hals spielt, muss man gesehen haben, um es glauben zu können! Er steigert sich wie in einen Rausch hinein, lässt sich von Fiddle und Gitarre treiben und wird hernach auf einer Woge der Begeisterung euphorisch gefeiert.
Mit der wunderschönen Melodie von „Avondale“ und der romantischen Stimme von Al O’CONNELL (?), als Gast für den erkrankten PATSY WATCHORN, kehrt dann wieder etwas Ruhe ein. Ich lasse mich einfangen und träume mich wieder weit weg, dorthin, wo ich noch nie war und nicht weiß, ob ich je dort sein werde….

Die zweite Ladung eher unbekannter Folk-Songs gibt’s nach der Pause, darunter auch neuere Weisen, wie die von Tommy Sands (Sands Family) von seinem 1992er Album „Beyond The Shadows“. „When The Boys Come Rolling Home“ besingt die leise Sehnsucht, die so manchen Weltenbummler in der Ferne nach heimatlichen Gefilden überkommt. Während dieser Song sehr stimmungsvoll und fröhlich klingt, geht BARNEY’s Ballade „I Wish I Had Someone To Love“ tief ins Herz und weit unter die Haut. Er ganz allein vor dem Mikro stehend und JOHN SHEAHAN, daneben auf einem Stuhl sitzend und eine leise Geige spielend, besingt er mit kratzig zerbrechlicher Stimme, an deren Art zu singen höchstens noch Joe Cocker ran kann, die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit. Das ist Gänsehaut pur und die blanke Offenheit eines lustvoll gelebten Lebens, das wir zu hören bekommen. Thanx so much, Barney!

Je mehr sich der Abend seinem Ende nähert, um so bekannter werden die Lieder. Nachdem BARNEY mit dem „Zerrwanst“ noch ein paar „Reels“ gezaubert hat, folgt die Drohung, jetzt endlich einen Song von Metallica spielen zu wollen und dann reißt’s bei den ersten Tönen von „Whisky In The Jar“ die ersten aus den Klappstühlen. Die Dubliner-Party beginnt spätestens jetzt und sie endet erst, nachdem auch der unkaputtbare „Wild Rover“ verklungen und das rhythmische Klatschen verhallt ist sowie hunderte von trampelnden Füßen und gellende Pfiffe eine Zugabe gefordert haben.
Na klar warten wir alle auf „Molly Malone“, um den Abschiedsschmerz mit einer Träne im Augenwinkel richtig auskosten zu können. Doch die alten Schlawiner da oben überraschen uns mit „Will You Go Lassie, Go“ aus den frühen 50er Jahren a capella gesungen, was eigentlich noch viel schlimmer ist. Mir wird, wenigstens für einen Moment, nach stillen Tränen voller Erinnerungen und auch wegen der aufkommenden Gewissheit, so etwas im schlimmsten Falle nie wieder so und live erleben zu können:

If my true love she were gone
I will surely find another
Where the wild mountain thyme
Grows around the blooming heather.


Ein jeder hat so ein kleines Beatlechen auf dieser Erde, das er liebt und verehrt. Eines davon heißt bei mir DUBLINERS und meint noch immer die schlichte und ungekünstelte ehrliche Art, Musik zu machen, Worte und Töne so miteinander zu verweben, dass sie Herzen bewegen und Seelen berühren können. In der plärrenden Welt des hektischen Konsumierens, der oberflächlichen Reize und stumpfen Worte tun leise Töne, zumal in der Vorweihnachtszeit, gut und lassen uns wieder zu uns selbst finden, wenn wir es zulassen. Wenigstens für die Dauer eines Konzertabends und für ein paar tausend Herzschläge zu fühlen, dass nichts schöner ist, als mit Musik Menschen miteinander zu verbinden, Brücken zu schlagen, statt Schläge zu verteilen, kann mehr Gewinn sein, als Kapital uns je zu geben vermag. Das Zauberwort heißt LEBENSFREUDE und LIEBE, so blöd und simpel das auch klingen mag. Um das zu erkennen, sollte man nicht erst alt werden müssen und es muss auch nicht erst Weihnachten werden.

DANKE an einige Freunde in Sachsen, die einem von Musik Besessenen die Möglichkeit gaben, sich diesen Wunsch am Vorabend des 1. Advent erfüllen zu können!

Angefügte Bilder:
01 Gutscheine_571_800.jpg
02 Dubliners 1_800_569.jpg
03 P1100922.JPG
04 P1100898.JPG
05 P1100903.JPG
06 P1100904.JPG
07 P1100907.JPG
08 P1100910.JPG
09 P1100912.JPG
10 P1100920.JPG
11 P1100929.JPG
12 P1100941.JPG
13 P1100946.JPG
14 Dubliners Cover sign.jpg
zuletzt bearbeitet 28.11.2010 17:03 | nach oben springen

#2

RE: Leise Giganten auf Tour - THE DUBLINERS live in Dresden

in Off-Topic 28.11.2010 18:25
von ConnyCity (gelöscht)
avatar

Dein Bericht, lieber HH aus EE, macht neugierig. Und so sollte es wohl auch sein. Und wie neugierige Frauen so sind, werden sie erkunden, was sie nicht kennen. Also auf zu Youbube - oder so -. Irland, Schottland - interessiert mich alleine schon von der Landschaft. Bücher gibt es genug, die ich verschlungen habe, auch in denen wird die unsterbliche Seele der Musik in diesen Ländern beschrieben. Nun geht es ans Hören, na, mal sehen!!!
Gruß an alle und einen schönen Adventsabend wünscht
Conny aus dem kalten Adlershof

nach oben springen

#3

RE: Leise Giganten auf Tour - THE DUBLINERS live in Dresden

in Off-Topic 30.11.2010 19:56
von HH aus EE (gelöscht)
avatar

Vielleicht kann der eine oder andere von Euch meine Begeisterung besser nachvollziehen, wenn er das hier gehört und gesehen hat:

http://www.youtube.com/watch?v=oo0p6BbecNo&feature=related

http://www.youtube.com/watch?v=9eIHuGjrC0k&feature=related

zuletzt bearbeitet 30.11.2010 20:01 | nach oben springen

#4

RE: Leise Giganten auf Tour - THE DUBLINERS live in Dresden

in Off-Topic 02.12.2010 20:49
von PM | 4.235 Beiträge | 5060 Punkte

Hab mir jetzt von der Band Whiskey In The Jar angeguckt, das sagt mir doch was @Hartmut. Hab schon so viel Irish Volk Konzerte erlebt, wo das nachgesungen wurde.


Klick mal druff hier:

nach oben springen


Besucher
0 Mitglieder und 12 Gäste sind Online

Forum Statistiken
Das Forum hat 9568 Themen und 99145 Beiträge.

Heute waren 2 Mitglieder Online:

Besucherrekord: 2000 Benutzer (08.01.2015 07:34).

disconnected Foren-Chat Mitglieder Online 0