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JOAN BAEZ zum 70. Geburtstag

in Off-Topic 09.01.2011 09:43
von HH aus EE (gelöscht)
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Barfuß singend für den Frieden – Joan Baez zum 70. Geburtstag

Vieles ist mir im Leben verwehrt geblieben, aber auch so manches blieb mir erspart. Das hat etwas mit der „Gnade der Geburt“ an einem Ort zu tun, den man sich nicht selbst aussuchen konnte. Deshalb sah ich so manchen Rock-Star meiner Jugend nie live in einem Konzert und aus dem gleichen Grund gab es in meinem Freundeskreis nie einen, der mit Contergan in Berührung kam. Beides miteinander zu vergleichen ist Nonsens, dennoch aber ist beides eine Tatsache.

Als ich in den frühen 60ern begann, mich bewußt mit Musik zu beschäftigen und meine Fingerkuppen sich auf den Gitarrensaiten Hornhaut erspielten, durfte ein Song nie fehlen, der weltweit gesungen wurde – „We Shall Overcome“. Zwei Versionen blieben in meinem Ohr und Gedächtnis haften und bestimmten fortan auch mein Denken und Fühlen. Zum einen die mit PETE SEEGER, live gesungen im Jahre 1963 in der New Yorker Carnegie Hall mit einem beseelt mitsingenden Auditorium und die andere von einem zerbrechlich wirkenden Frausopran mit einem einzigartigen Vibrato in der Stimme, gesungen - JOAN BAEZ. Eigentlich ist damit schon alles gesagt, denn der Song atmet Geschichte, wie sonst kaum einer.

Doch halt! Vielleicht kann man darüber spekulieren, was aus BOB DYLAN geworden wäre, hätte es nicht die Begegnung mit JOAN BAEZ gegeben. Vielleicht wäre der Glanz von Woodstock nicht ganz so schillernd geworden und die Flower-Power-Bewegung hätte nicht ganz so viele Herzen erreicht. Ganz nebenbei würden dem Katalog der populären Musik eines halben Jahrhundert mehr als 40 Langspielplatten fehlen, hätte es die „barfüßige Madonna“ nie gegeben. Von den vielen Kompilationen und weltweiten Lizenzen, die in der DDR erschienenen eingeschlossen, mal abgesehen.

Die Ikone der amerikanischen Folk-Bewegung und die aktive Kämpferin für den Frieden sang mit ihrer zerbrechlich wirkenden Stimme gegen das Unrecht an und erhob sie für die Rechtlosen überall auf dieser Welt. Dann wirkte diese zerbrechliche Stimme wie ein Paukenschlag, den Millionen vernahmen. Kein Wunder also, dass die Musikliebhaber sie verehren, viele Musiker ihr Respekt zollen und so mancher Politiker oder Prominente sich ihrer Unterstützung sicher sein konnte, sei es zu Zeiten des Vietnam-Krieges, sei es als Friedensstifterin im Gaza-Streifen oder während der „Samtenen Revolution“ in Prag.
Sie scheute sich auch nicht, schonungslos ihre Meinung zu sagen und ließ sich auch in den USA nicht den Mund verbieten, nur weil sie George W. Bush den „vollständigen Verlust seines Hirn“ bescheinigte und Gouverneur Schwarzenegger eine „Witzfigur“ nannte. Wo sie recht hat, hat sie nun mal recht!

Erhobenen Hauptes, trotz einiger Niederlagen und Schwächen, menschlich und aufrecht durch 50 Jahre Musikbusiness gekommen sein, ist eine seltene Leistung. Sich dabei nie verbogen oder benutzt lassen zu haben, verdient Hochachtung. Vor ihrem musikalischen Output könnte man auf die Knie sinken und sollte sie sich wirklich noch einmal hierher, wo ich zu Hause bin, „verirren“, um live auf einer Bühne zu stehen, dann würde ich mich nicht schämen, dies auch zu tun.
Manchmal frage ich mich und versuche sehr genau hin zu sehen, wo denn die singenden oder musizierenden Ikonen des neuen Jahrtausends sind, die unseren Kindern und Kindeskindern Ideen vermitteln und moralische Kraft geben könnten, um ihre Zukunft zu meistern und wenn es nötig ist, auch aufzubegehren, statt Karrieren zu planen. Manchmal bin ich auch ein wenig traurig, dass ich sie (noch) nicht erkennen kann und manchmal fürchte ich, es gibt sie gar nicht mehr, die, die jungen Menschen in der Welt eine Vision von der Zukunft singen könnten. In solchen Momenten ist es gut zu wissen, dass die „Weisen und Grauen“ noch immer neue Ideen vom Morgen unter ihr Publikum bringen.

JOAN BAEZ hat heute Geburtstag und sie wird 70. Ein Moment des Schweigens wäre vielleicht angebracht, eine Sekunde der Hochachtung auch, aber eigentlich eine Woge tosenden Beifalls, für eine Künstlerin, die vielen Generationen ein einzigartiges Vorbild ist, gestern, heute und auch „The Day After Tomorrow“ (2008).

Angefügte Bilder:
J. Baez.jpg
zuletzt bearbeitet 11.01.2011 07:47 | nach oben springen


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