Fortsetzung:
HAASE begleitete sich selbst abwechselnd mit Gitarre und Konzertflügel zu den Liedern.
Einen Abend lang sang er wieder von Liebe, Tod und Teufel, wenn ich das mal so zusammenfassend schreiben darf. Seine Wahrheiten gaben reichlich Stoff zum nachdenken, aber auch zum träumen. Glaubwürdigkeit ist eines der Pfunde mit denen der Neu-Berliner Liedermacher wuchern kann. HAASE verstellt sich nicht, er ist einfach der Kumpel von nebenan. Zufällig ist er mal wieder hereingeschneit, quatscht mit dir über Gott und die Welt und er hat natürlich auch etwas Schönes mitgebracht. Seine Mitbringsel für das Treffen im Apollo Görlitz waren gute Laune, seine Gitarre und im Kopf ein ganzes Nest von Liedern, Geschichten und Gedanken.
Bei einem Glas Rotwein sang er am Flügel „Benzin im Kopf“ und „Nimmersatt“. Während des Konzertes konnte man wieder sehr gut erleben, wie wandlungsfähig der Meister ist. Eben erinnerte seine Darbietung noch an den Auftritt eines Chansonniers. Im nächsten Lied gibt er den klassischen Liedermacher, im übernächsten Song tun sich Vergleiche zum Folk(-rock) auf. Man kann das höchstens so beschreiben, dass seine Titel bunt wie das Leben selbst sind. „Papst und Sultan“ ist eigentlich ein Volkslied aus dem 19. Jahrhundert, welches sich besonders unter den trinkfreudigen Studenten(-verbindungen) sehr großer Beliebtheit erfreute und von HAASE vom Staub der Jahre und vom Mief der Vergangenheit befreit wurde. Doch der langhaarige Sänger hatte natürlich auch Zeit seine kleinen Geschichten zu erzählen. Er erzählte vom dummen Dirk, denn die Kinder hänselten und dessen Antwort auf die Frage nach dem höchsten Berg der Welt doch gar nicht zu dumm war, sondern eher seiner Zeit voraus. Eine weitere Geschichte handelte von seiner Kindheit auf der Datsche seiner Eltern, wo er manchmal viel lieber manchmal ferngesehen hätte und stattdessen aber im Wald dann auf sanften Druck der Eltern Hütten baute. Daran schloss sich dann das Lied vom „Baumhaus“ an. Manche seiner Geschichten kannte ich zwar schon, aber das tat gar nichts. Einem Erzähler wie Christian HAASE lausche ich immer wieder gern.
Doch HAASE wäre nicht HAASE, wenn er nicht immer wieder für Überraschungen gut wäre.
Diesmal hatte er verhältnismäßig viele Lieder von Gerhard Gundermann im Programm.
„Atlantic City“, „War dein Freund“, “Der 7. Samurai” erfreuten die Zuhörer und einige trauten sich auch plötzlich leise mitzusingen. Doch den Vogel schoss Meister HAASE mit seiner Interpretation von „Vater“ ab. Die sparsame Klavierbegleitung und HAASEs Gesang verursachten in diesen Minuten sicher nicht nur bei mir Gänsehaut. Für mich war dieses Lied ein emotionaler Hammer. Nicht weniger spannend verband er dann „Sehnsucht nach dem Rattenfänger“ mit „Sieglinde“. Wer beide Lieder kennt, weiß sicher, dass er da jede Menge Zündstoff freigesetzt hatte über den es sich nachzudenken lohnte.
Natürlich schwebte auch die „Weiße Wolke“ namens Karolin musikalisch über uns und wir waren mit HAASE nicht nur „Zwischendrin“ sondern auch noch „Mittendrin“. Ich schätze an Christians Liedern schon immer die gedankliche Vielfalt und inhaltliche Tiefe. Das hat mich vor ein paar Jahren wirklich fasziniert und überrascht, dass so ein junger Hüpfer solche Lieder schreiben konnte. Genau damit hat der junge HAASE mich alten Sack damals verzaubert und „süchtig“ gemacht.
Wer den Unterschied zwischen Liedermacher und Ledermacher kennen lernen möchte, sollte mal eine Solomugge von HAASE besuchen und ihn notfalls auch mal darauf ansprechen. Das war nämlich auch eine schöne Geschichte, die er da erzählt hat. Daran knüpfte er den sehr originellen Titel „Liedermacher – Widersacher“ an. Das Publikum forderte mehrere Zugaben und bekam diese natürlich auch noch. Später im Foyer entwickelten sich interessante Gespräche zwischen HAASE und den Konzertbesuchern. Diese Plaudereien sind für den Liedermacher nicht Pflicht sondern Kür. Er gibt nicht nur auf der Bühne den netten Kumpel von nebenan, sondern er ist es tatsächlich auch abseits der Bühne.
Gruß Kundi