So alt kommen wir nicht mehr zusammen
Ostrock: Die Dresdener Band Electra und die Puhdys spielten in Waltershausen
Von Thomas Behlert
Ian Anderson kann einpacken: Flötenschlumpf Bernd Aust reck
Ian Anderson kann einpacken: Flötenschlumpf Bernd Aust reckt den Daumen
Foto: www.electra-music-de
Am Sonnabend fand in der kleinen, recht toten Stadt Waltershausen, Thüringen, ein sogenanntes Rocklegenden-Konzert statt. Wo man in den vergangenen Jahren bereits die grauen Haare von Manfred Mann, der Münchener Freiheit und den Rattles nach Konzertschluß auffegen konnte, durften nun zwei Combos aus seligen DDR-Zeiten ihre bestens bekannten Schlager zum Vortrag bringen.
Das gut gebaute Dach der Mehrzweckhalle hielt die Fans schön trocken, der ewige Regen konnte der reifen »Jugend«, die mit Rollstühlen, Gehhilfen und dicken Bäuchen (ja, ich auch) anreisten, nichts anhaben. Trotz des »Wacken«-Festivals und verschiedenen Fernsehdokumentationen über die Verwerflichkeit des Mauerbaus, waren die Bänke alle besetzt und das leckere Bier, das, Veranstalter sei Dank, nicht aus der nahen Kreisstadt kam, mundete ganz hervorragend und stach durch moderate Preise hervor.
Bevor aber die Dresdner Band Electra und die ewigen »Auf-Tour-Geher« Puhdys die hohe Bühne besteigen sollten, rammelte und schepperte eine heimische Band um ihr Leben. Vor Jahren versuchten die Musiker von Shades of Purple noch unter der lustigen Bezeichnung Phonoclecs und mit eigenen Titeln Punkte zu sammeln. Doch als das Konto leer blieb, nahm man sich einen neuen Sänger und spielte die Songs der Lieblingsband aller etwas härter rockenden Kapellen und vor allem aller Musiklehrer: Deep Purple. Es klappte ganz gut, die Instrumente wurden beherrscht, der Gesang glänzte sogar mit allerhöchsten Höhen, und der eigentlich längst verboten gehörende Hit »Smoke On The Water« wurde ohne Fehl und Tadel zu Ende gebracht.
Nach dummen Gelaber zweier Internetradiomoderatoren stieg die erste Altherrenriege stolz und mit guter Laune in den Ring. Sie durften das auch, denn ihre Musik war von ausgesuchter Schönheit, voller Sangeskunst und angehäuft mit den wunderlichsten Instrumenten. Ende der 1960er Jahre trafen sich in Dresden Studenten der Musikschule und gründeten eine Band. Nach wenigen Proben ging es los mit Satzgesang, ausgefeilten Kompositionen und tiefschürfenden Texten. Die Stücke wurden immer experimenteller, Jazz gewann die Oberhand, wie auch Neue Musik und der gerade im kapitalistischen Ausland für Furore sorgende Prog Rock. Klassische Werke von Bach und Borodin vervollständigten das Spektrum.
Nun also durften Mann und Frau diese, durch manchen DDR-Kunstpreis ausgezeichnete, Musik wieder hören, und hatten Freude daran. Peter Ludewig, der vor einigen Tagen seinen 70. Geburtstag beging, sang immer noch verdammt hoch, direkt, klar und präzise die künstlerisch ausgewogenen Stücke »Das kommt, weil deine Seele brennt« und »Der grüne Esel«, und für das Grobe und »Fette« sorgten Stefan Trepte und Gisbert Koreng. Ein Ausschnitt aus der Rocksuite »Die Sixtinische Madonna« und das nicht mehr zur Rockmusik zählende »Tritt ein in den Dom«, mit allen Jubelschreien und Trällern bestückt, durften nicht fehlen. Hervorheben sollte man Bernd Aust, der wie der Flötenschlumpf alles mit Leben erfüllte, was man ihm so zum Blasen hinhielt, ob Querflöte oder Saxophon.
Nach einer kurzen Umbaupause erschienen die sichtlich schlecht gelaunten Puhdys. Ohne besondere Vorkommnisse verlief deren Absingen der bekanntesten Lieder, unterbrochen durch ein unausgegorenes Medley, einer wohltuenden technischen Panne, der kaum noch gewaltigen »Maschinen-Stimme« und der unsäglichen Zugabe »Wir wollen die Eisbären sehen«. In Thüringen, wo sich Eishockey langsam entwickelt, will man die Millionäre auf Kufen nicht ins Herz schließen, aber der Song ist mitsingbar und am Ende war eh alles egal, denn es krachte im Gebälk, das Bier tat seine Wirkung und der ältere Ossi braucht nun mal für die Gefühle den passenden Soundtrack, lauten und bestens bekannten Ostrock.