„Dieses Lied sing’ ich den Frauen“
Wahrscheinlich ist dieser Song Kurt Demmler’s - „Maria“, dieses Lied sing’ ich den Frauen“ - für Menschen mit einer Biografie, vergleichbar der meinen, so etwas wie sein Markenzeichen. Sein erster ist es bei weitem nicht, der mir im Ohr blieb: „Lied aus dem fahrenden Zug zu singen“, „Lied vom Feuertod einer lieben, guten Tante“, „Sieben Meter Brennholz“ oder „Fest faßt an die Welt“.
Mit der aufkommenden Hootenany- und Singebwegung auch in der DDR Mitte der 60er, ergab sich für viele Gitarre spielende und singende Jugendliche – ich war so ein Naivling – die Möglichkeit, sich auf diese Weise einzeln oder in Gruppen auszudrücken.
Wie ganz selbstverständlich sang ich damals Dylan’s „Masters Of War“ in deutsch als „Vom Pflanzen und Ernten“ neben dem berühmten „Carpe Diem“ und König’s „Friedenslied“ ebenso wie eben auch Lieder von Demmler. Mit 17/18 überwog wohl eher die Freude am gemeinsamen Musizieren, als das Interesse an den Botschaften, die sich hier und da hinter den Noten verbargen. Oftmals folgte den gesungenen Liedern der „Mr. Tambourine Man“ in der Version der Byrds oder „Mamor, Stein und Eisen bricht“ von Drafi Deutscher.
Demmler war einer, zu dem haben wir aufgeschaut, wenn wir uns zu diesen „Werkstattwochen“ und „Singetreffen“ fanden. Der war Vorbild, war auch anders, als Hartmut König, der uns aufgesetzt wirkte.
Dem unruhigen Geist Demmler wurde das Singe-Korsett ziemlich schnell zu eng und um der geistigen Erstickungsgefahr zu entgehen, und vielleicht auch, weil er schlauer war als andere, erkannte er ziemlich schnell das Potential der lyrik-notleidenden Rockergemeinde. Als die Klaus Renft Combo mit „Wer die Rose ehrt“ die mediale Bühne der DDR betrat, war das in jeder Richtung ein Paukenschlag. Von da an wollte jede Rock-Combo auch einen Text vom Kurtchen haben. Der Mann hatte einen hohen Marktwert, obgleich ja in offizieller Lesart ein Markt nicht stattfand.
Für Kurt Demmler jedenfalls gab es einen und der Mann wußte das.
Von da an, so denke ich heute, lief der Singer/Songschreiber Demmler zu Höchstform auf und begann am Tandiemen-Krug zu nippen.
Demmler schrieb Worte, bei deren lesen ich oft wußte, daß ich das auch gedacht habe, aber nie hätte formulieren können. Jedes seiner Worte traf bei mir in offene Gefühlswunden:
Augen, von der Liebe verlassen
Gänselieschen
Ehrlich will ich bleiben
Wasser und Wein
Tritt ein in den Dom
Demmler’s Platten strotzen nur so vor tollen Songs und wunderbarer Lyrik, ganz obenauf die „Lieder des kleinen Prinzen“ – vielleicht sein Meisterwerk (?).
Seine Rock-Lyrik hat Maßstäbe in deutscher Sprache gesetzt. Lange schon bevor die politischen Grenzen fielen, mußten sich deutsche Texte auch im Westen an dieser Latte messen lassen – und – fielen bzw. fallen darunter mehrheitlich durch. Jedenfalls bei mir!
Vielleicht aber habe ich auch DANK Demmler’s Textkunst gelernt, Aufrichtiges und Banales fein säuberlich zu sortieren und mir nur das anzutun, das mich berührt und zum Schwingen bringt. Einen Künstler von Staates wegen und SED-Gnaden sehe ich nicht und lasse ich mir auch nicht unterjubeln.
Die Rockmusik hat mein Leben geprägt, die von Lennon & McCartney, die der Glimmer Twins und die Riffs von Townshend, wenn er damit „My Generation“ raus schrieh. Demmler hat es verstanden, in deutschen Worten vergleichbare Befindlichkeiten zu formulieren.
Wann immer ich mir eine Platte aus DDR-Zeiten aus dem Regal nehme, wird auch oft ein Text von diesem Mann mit der komischen Nickelbrille dabei sein. Auf diese Weise gehört er zu meinem Leben und so wird es auch bleiben, wenn es um Rock „Made in GDR“ geht.
Aber: Kurt Demmler hat dies alles erreicht, weil er die Macht der Worte beherrschte, nicht zufällig und nebenbei mal nur so, sondern bewußt und oft wohl kalkuliert oder scharf geschliffen gesetzt.
Da macht es um so mehr betroffen, daß er diese Wortmacht nicht nutzte, um denen, die ihn genau dafür liebten, nicht die Chance des ehrlichen Nachdenkens ließ, ehe er freiwillig und makaber aus dem eigenen Leben schied. Dieses Kneifen hinterläßt bei mir einen Nachgeschmack, den zu beschreiben mir die Worte fehlen. Diese Art, sich zu inszenieren, ist mir zuwider, wenngleich ich versuche, zu verstehen.
Kurt, was hast Du mir (und anderen) angetan und vor allem - WARUM?!
Einem Kurt Demmler hätte ich gern einen Sockel gebaut und ihn oben drauf gestellt.
Ich habe keine Vorstellung davon, wie innerlich zerrissen man sein muß oder wie man sich anfühlt, sich selbst auf einem Sockel sehend, stattdessen bewusst in einen Abgrund zu stürzen, ohne sich rechtzeitig einem Freund zu öffnen, wenn er denn einen solchen hatte.
Da war und ist mir dann die dunkelblaue Whisky-Seite Cäsar’s wesentlich lieber, weil menschlich offen verarbeitet.