Kunsthof Gohlis 16.01.10
H. C. Schmidt liest „Stalingrad“ von Walter Battisti, musikalische Begleitung: Norbert Jäger - Percussions.
Als „Freund“ des Kunsthof Gohlis stöbere ich regelmäßig in den Termin-Ankündigungen. „Stalingrad“, eine Lesung mit H. C. Schmidt fiel mir ins Auge und machte mich nachdenklich…
Ein kleiner Junge müht sich bei viel zu schwerer Feldarbeit, er hat ständig Hunger, wird einfach nicht satt. Die Hosen schlottern um seine viel zu dünnen Beine. Allein mit seiner Mutter, muss er viele Arbeiten verrichten, die für seinen kleinen Körper eigentlich noch viel zu schwer sind…
Ein kleines Mädchen sitzt auf dem Schoß ihres Vaters, die zarten Arme umschlingen seinen Hals. Sie flüstert ihm ganz leise ins Ohr: „Ich verstecke Dich in einer Streichholzschachtel, da musst Du nicht mehr fort.“ Der junge Mann lächelt sie an, sieht zu seiner Frau, sie hat Tränen in den Augen…
Ich mache mich auf zum Kunsthof Gohlis, es ist schon dunkel, als ich den gewohnten, diesmal verschneiten Weg zwischen Koppel und Wiese entlang gehe. Die Natur..., in weiß gehüllt, still. Ich höre nur das Knirschen meiner Schritte.
Das Tor zum Kunsthof ist einladend weit geöffnet, ich höre erste „Jäger-Pecussions-Töne“…, aber es ist noch sehr viel Zeit bis zum Beginn der Veranstaltung. K. und A. sind vor Ort und so wird die Zeit nicht lang. Man plaudert aus Vergangenheit und Gegenwart…, wie viele Erinnerungen man doch gemeinsam haben kann!
Geräusche, die durch Mark und Bein gehen, beenden unsere Unterhaltung. Norbert Jäger hat sich fast unbemerkt auf seinen Platz begeben und agiert dort, einem „Hexenmeister“ gleich, schafft Töne, die frösteln lassen und ein wenig Angst machen, Angst vor dem, was kommen wird…,
Stalingrad – das „Tor zur Hölle“…
Abrupt enden die Geräusche…
Hans Christian Schmidt nimmt seinen Platz ein, mit leiser Stimme beginnt er zu lesen…, fragt nach dem „Danach“.
„Wo sind die Lebenden?“...
„… sie haben zwei Füße – ... manchmal,
zwei Augen – ... manchmal eins,
zwei Hände – ... manchmal…“
Die Stimme wird lauter, als das „Erinnern an die Kriegstage“ beginnt. Laut erschallen Hitlers Worte: „Mit euch, der 6. Armee kann ich den Himmel stürmen…“ Das "rollende R" täuschend echt...
Mit erschreckender Deutlichkeit formte Walter Battisti Worte, die voller Inbrunst von H. C. Schmidt gesprochen, schreckliche Bilder vor meinem inneren Auge entstehen lassen.
Und wieder schallt Hitlers Stimme durch den Raum…
Und dann..., frösteln bei Worten…, wie…
„... und ich drückte mir die Eingeweihte in den Bauch zurück…,
... mir pfiff aus dem aufgeschossenen Rücken die Luft aus den Lungen…“
Das Grauen eines Krieges.
Nach der ersten Woche Stalingrad, 40 000 Tote…,
der Wahnsinn eines Krieges.
H. C. Schmidt erhob sich, erzeugte Gänsehaut machende, quietschende Laute, bevor Norbert Jäger wieder die Tonkulisse übernahm…
Wie sehr können doch Töne, gesprochene Worte unterstreichen, lebendig machen!
Wort reiht sich weiter an Wort, plötzlich entsetzliches Scheppern, welches die Worte von H. C. Schmidt unterstreicht. Norbert Jäger warf krachend einige Becken zu Boden – mein Herz rast vor Schreck!
„Kessel“,
„Leichen, aufgetürmt als Kugelwall…“!
„… einigeln bis zum letzten Schuss! Keiner wird ausgeflogen! Die 6. bleibt im Kessel. Bis zum letzten Mann!“, diese Worte des „Führers“ schallen laut durch den Kunsthof, bevor Schmidts Stimme leise, fast flüsternd wird…
„Zuerst aß man Pferde, zum Teil schon verwest, Hunde, Katzen… und letztendlich, als nichts mehr blieb, schnitt man den toten Kameraden das Fleisch von den Arschbacken…“
„Nur 6000 Mann überlebten, nur 6000 Mann konnten berichten…
und .................................................................... alle schwiegen…“
„… aber jetzt seid ihr dran…, Friede......, Friede......, Kinder...... “
Walter Battisti, ein bescheidener junger Mann, fand hier Worte, die lebendig machten, was für Deutschlands Geschichte so „unrühmlich“ ist…
Ein kleiner Junge müht sich bei viel zu schwerer Feldarbeit, er hat ständig Hunger, wird einfach nicht satt. Die Hosen schlottern um seine viel zu dünnen Beine. Allein mit seiner Mutter, muss er viele Arbeiten verrichten, die für seinen kleinen Körper eigentlich noch viel zu schwer sind…
Sein Vater kehrte nicht mehr heim, blieb im Krieg…, gefallen…
Ein kleines Mädchen sitzt auf dem Schoß ihres Vaters, die zarten Arme umschlingen seinen Hals. Sie flüstert ihm ganz leise ins Ohr: „Ich verstecke Dich in einer Streichholzschachtel, da musst Du nicht mehr fort.“ Der junge Mann lächelt sie an, sieht zu seiner Frau, sie hat Tränen in den Augen…
Geiger war er, tauschte sein Instrument gegen ein Gewehr.
Der junge Mann, kehrte nach diesem Fronturlaub nicht mehr heim, gefallen…, Stalingrad wurde sein Grab.
So lange ich denken kann, sehe ich das Foto eines lächelnden jungen Mannes in Uniform der deutschen Wehrmacht vor mir…, das Foto meines Großvaters, das kleine Mädchen von einst, auf dem Schoß des jungen Mannes, ist meine Mutter.
Der kleine Junge von einst, ist mein Vater.
Ich hatte nie die Möglichkeit einen meiner Großväter kennen zu lernen, beide sind im 2. Weltkrieg gefallen.
Was mir blieb, sind einige wenige vergilbte Fotos.
Als ich mich auf den Heimweg durch die verschneite Dunkelheit machte, war mein Kopf gedankenschwer…
… wieder formt Deutschland „Helden“…, man meint, diesmal auf der „guten“ Seite zu stehen – aber ich denke, es gibt keine „gute“ Seite mit einer Waffe in der Hand...
Deutschland, raus aus Afghanistan!
Nachtrag:
Bedauerlich, dass dieser interessante Abend nur mäßig besucht wurde. Ich hoffe im Stillen, es lag am Wetter und nicht am Desinteresse meiner Mitmenschen.
Dank an den Kunsthof, Dank an Hans Christian Schmidt, Dank an Norbert Jäger und nicht zuletzt, Dank an Walter Battisti, der sich diesem furchtbaren Thema stellte.
Sollte ich hier für Entsetzen sorgen..., tut mir leid, aber Vergessen ist schlimmer...