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LAUSITZBLUES live - wenn der BLUES nach Kohle riecht

in Konzertberichte Ostrock allgemein 23.01.2010 17:08
von HH aus EE (gelöscht)
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Lausitzblues in Sachsen – brennt länger als Kohle!

Es ist wie überall auf dieser Welt, auf der es Dinge und Begriffe gibt, die ein jeder versteht, nur wirklich fühlen, was dahinter versteckt ist, kann nicht jeder. Mir ist gestern im Kunsthof Gohlis wieder mal so ein Gefühl begegnet, das genau so gewirkt hat. Es heißt LAUSITZBLUES und brennt garantiert länger und heißer als Kohle!

Dieses Landschaftsdreieck zwischen Senftenberg, Ruhland und Lauchhammer war einstmals ein riesiges Kohleloch. Hier stank es, hier kam auf den Kubikmeter Luft eine halbe Brikett und auf den Quadratmeter Land eine Bulle Bergmannsfusel. Hier stehen heute immer noch hohe Schornsteine, auch wenn viele keinen Dreck mehr ausspucken. Bei Ostwind brauchte man die Wäsche erst gar nicht auf den Hof zu hängen. Hier sagen viele „mich“ statt „mir“ und hier bin ich als Kind durch die Wälder gezogen, um in irgendeinem Waldsee names „Gotthold“ zu baden. Hier glühten im Winter die Rekord-Briketts in den Kachelöfen. Hier, gleich um die Ecke, war der Baggerführer Gundi zu Hause, hat die Natur aufgerissen und gleichzeitig seinen Schmerz und seine Verzweiflung darüber in ewig schöne Lieder gegossen.

Auf dem Podium im Kunsthof Gohlis sitzt so ein Typ, den bringt man entweder mit Blues, Harley Davidson oder mit einem Ersatzmann bei ZZ Top in Verbindung. Letzteres hab’ ich beim genaueren Hinsehen ausgeschlossen und eine Harley stand auch nicht vor der Tür. Der BLUES blieb übrig und als er dann sprach und sang, kam dieses Gefühl von LAUSITZ hinzu. Spätestens als er das uralte Thema vom „John Barleycorn“ aufgriff und daraus einen Blues in deutsch über den Bergmannsfusel sang, hatte ich dieses ganz besondere Gefühl. Plötzlich wusste ich, dass Heimat mehr als eine Landschaft sein kann. Es ist auch der Geruch, den man kennt und dieses „mich“ vom Nachbarn, wenn er mit einem spricht und ruppige Lieder, wie dieses vom Sepp.

Dieser Sepp aus Ruhland ist ein Original und gemeinsam mit seinen beiden Mitstreitern KULLE, einem exzellenten Gitarristen, und GABI, einer singenden Lausitzschönheit, ließ er den Blues brennen. Da ging mir bei „I Hear You Knocking“ von Dave Edmunds ein „helles Licht“ wie beim Steiger auf, als der Rock-Song aus den frühen 70ern als Blues daher gestampft kam, auf zerfahrenen Gleisen und wie eine Grubenlock eben. Dazu passend „Here I Go Again (On My Own)“ , eine dieser herrlichen Whitesnake – Balladen, die viel knackiger klingen, wenn man sie nur auf zwei Gitarren reduziert. Bei solcher Musik überrennen einen manchmal die Gefühle und die Erinnerungen tanzen in der Seele den Blues dazu. Bei der alten Stones-Nummer „Dead Flowers“ hab’ ich mich einfach vor die drei gesetzt und den Refrain mitgesungen … „send me dead flowers by the mail“.
Wenn solche Songs mit Woodstock-Charme erklingen, bin ich immer bei mir selbst angekommen, weil sie Teil meiner Biografie geworden sind. „Mojo Working“ von Muddy Waters gehört genau so dazu wie Canned Heat’s „Going Up The Country“. Erst recht, wenn das jemand singt, der durch das Lausitzer Kohlerevier gestampft sein muß, den die Umstände nicht immer wohl gesonnen waren und der das Leben hier dennoch liebt. Das alles sind gute Gründe, zu so einem Abend zu pilgern.

Dieses Original SEPP kam mir sofort irgendwie angenehm bekannt vor. Er singt mit einer Stimme, rauchig und robust wie der Landstrich, aber weich und einfühlsam wie die Natur ringsum. Er strahlt Energie aus und die Freude an der Musik ist in seinem Gesicht abzulesen. Wenn er spielt und singt, taucht er mit geschlossenen Augen dorthin ab, wo einem Musik Lebenskraft vermitteln kann.
Neben ihm der KULLE, bürgerlich Jörg Kula, entpuppt sich als stilsicherer und einfühlsamer Instrumentalist und einer, dessen Finger in den Saiten spielerisch die Töne und Akkorde formen. Als Trio mit GABI als Sängerin verschmelzen sie zu einem Blues-Gespann, das zu erleben ein wahres Vergnügen ist. LAUSITZBLUES ist doch ein wenig mehr, als nur glühend heiße Kohle.

Wenn du also mal wieder mit dem Auto oder dem Zug durch diesen Landstrich unterwegs bist, der sich LAUSITZ nennt, dann denk’ einen Moment, wenn du die Seen und Wälder siehst, an die Kohle, die hier einst lag und an die Menschen, die anderen mit der Kohle Wärme schenkten. Denk’ einen Augenblick daran, dass die Natur hier, wie anderen Ortes auch, voll ist mit Klang und mittendrin der Blues des Lebens, der LAUSITZBLUES…. und wenn du den Blues singen, klagen und stampfen hören möchtest, dann besuche einfach den Sepp aus Ruhland, den Kulle, einst ein Senftenberger, und die Gabi. Irgendwo auf einer Bühne oder einem Podest wirst du sie finden, egal ob in der Lausitz oder wie gestern Abend in Sachsen.

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zuletzt bearbeitet 23.01.2010 17:15 | nach oben springen

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RE: LAUSITZBLUES live - wenn der BLUES nach Kohle riecht

in Konzertberichte Ostrock allgemein 23.01.2010 19:18
von Mary (gelöscht)
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Wenn ich gewusst hätte, dass Du dahin fährst..., hätte ich den "Trost" für den Haase-Entzug genutzt - Tharandt war einfach zu weit, aber ich HABE es nicht gewusst...

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