Ein Abend für die Ärmsten und die Kinder – ROCK 4 HAITI
Am 1. August 1971 fanden im New Yorker Madison Square Garden zwei Konzerte vor insgesamt 40.000 Besuchern statt. Das von GEORGE HARRSION und RAVI SHANKAR organisierte Konzert sollte Geldmittel für die Kriegsopfer und Flüchtlinge von BANGLA DESH einspielen. Damals wie heute eine der ärmsten Regionen dieser Welt. Das Konzert schrieb als „Concert For Bangla Desh“ Geschichte, nicht nur der beteiligten Musiker wegen, sondern weil es das erste Mal war, dass Rockmusiker sich in dieser Weise für unterprivilegierte und Hilfe suchende Menschen engagierten.
Die Idee fand Nachahmung, im Westen wie im Osten. Manchmal entstand Großes und manchmal hatte ich einen faden Beigeschmack, vor allem dann, wenn versucht wurde, Rockmusik für Religionen und Weltanschauungen zu benutzen, was letztlich einem Missbrauch gleichkommt. Doch im Grunde liegt es an den Menschen, wie und wofür sie sich entscheiden, wenn Rockmusik zur Hilfe und Unterstützung aufruft. Das war beim Bangla-Desh-Concert so, später bei LIVE AID ebenso oder auch beim Benefizkonzert für NACHTERSTEDT in jüngster Vergangenheit.
Gestern hieß das Leitmotiv der Musiker und Bands auf der Bühne des Dresdner Kulturpalastes ROCK-4-HAITI und die gekommen waren, kamen nicht nur der Musik wegen, sondern weil ihnen der Gedanke der Solidarität und Hilfe, damals wie heute und für die Erdbebenopfer von Haiti, ein Herzensbedürfnis ist. –
Die Bühne stilvoll schlicht und auf der große Leinwand im Hintergrund ein Kind, klein und hilflos, so wie sie sicher zu tausenden in Haiti zu finden sind. Nicht erst seit dem Erdbeben!
Die Bretter des Kulturpalastes bebten in den nachfolgenden vier Stunden von der Musik der Künstler. Den Anfang machten HAASE & BAND, der gleich zu Beginn in seiner direkten Art aufrüttelte, den Finger in die Wunde legte. Der meinte sicher, dass wir eigentlich überall gegen Unrecht aufstehen und losrocken müssten. Recht hat er!
Durch den Abend führten die Herren BÖTTCHER & FISCHER, von einem lokalen Sächsischen Radiosender, den ich ad hoc dazu verdonnern würde, ab heute nur noch die Musik zu spielen, die sie gestern ansagten und in den höchsten Tönen lobten – Ostrock. Was piept mich dieses gefühl- und seelenlose Seifenschaum-Radio an, das einem überall entgegengekotzt wird!
Beim Versteigern eines T-Shirts mit den Unterschriften aller beteiligten Musiker machten die beiden Moderatoren mit dem Dresdner Original „Wolle“ einen Glücksgriff, der mit bewegenden Worten einen Fünfhunderter symbolisch auf die Bühnenbretter legte. Show gestohlen und danke „Wolle“!
Aus Stuttgart waren VINDER angereist, die kräftig die „Häffy-Mörtel-Maschine“ krachen ließen und damit auf die Begeisterung, nicht nur der angereisten Fans, stießen. Geile und kräftige Mugge.
Mit HANS DIE GEIGE und seinen beiden Gästen BUZZ DEE und UDO KRAUSE gab’s den nächsten Höhepunkt. In bewegenden Worten verwies Hans auf das Anliegen und sang natürlich auch „Dust The Wind“, was sonst!
Nach einer kurzen Pause standen KARUSSELL auf der Bühne, ließen sich zu recht feiern und überzeugten, so wie alle anderen auch, mit drei ausgewählten Songs, darunter das „Fischlein“ und die neuen „Habseligkeiten“.
Auch DIRK ZÖLLNER hatte sich „Gäste“ mitgebracht. Beim „Käfer auf’m Blatt“ wurde er am Piano von DIRK MICHAELIS begleitet und auch BUZZ DEE unterstützte den Sänger mit seinem Gitarrenspiel … „Hit The Road Jack“. Der Mann wusste das Publikum zu begeistern und den Saal live zum Kochen zu bringen.
Da hatte es WERTHER LOHSE mit Vollplayback zwar nicht schwer, aber der Unterschied war ein schmerzlicher und spürbar, was allerdings den alten LIFT-Klassikern keinen Abbruch tat.
Dann stand einer ganz in schwarz und nur mit Gitarre und Stimme auf der Bühne, DIRK MICHAELIS. Was der mit drei Songs von der Bühne krachen ließ, ringt Hochachtung ab. Gleich ob der rockig und trotzig „Sie hat’n Mann“ oder nur am Flügel „Als ich fortging“ singt, das hat einfach nur Ausstrahlung und traf den Nerv der Fans, vor allem der weiblichen.
BELL, BOOK & CANDLE gaben frisch und überzeugend ihre Welthits zum Besten und ließen ihrer Freude, dabei sein zu können, freien Lauf. Den Schlusspunkt im kesselbunten Rock-Benefitz setzten BONFIRE, die Heavy-Schwaben. Angenehme Geste des Frontmannes, der nicht nur „Proud On My Country“ sang, sondern uns darin bestärkte, stolz auf unser Land zu sein, zumindest aber auf die Menschen, auf uns, die wir hier leben und füreinander da sind, wenn’s mal dicke kommt.
Stolz dürfen alle sein, die gestern auf der Bühne standen und auch die, die hinter hier die meist unsichtbaren Strippen zogen und ihre Freizeit dafür nutzten. Tiefe Verbeugung vor den Beteiligten und DANKE Tina, stellvertretend für alle.
Toll auch, dass der Saal des Palastes gut gefüllt und die Stimmung Klasse war. Das war nicht unbedingt zu erwarten. Doch wenn Menschen mit ehrlichen Gefühlen berührt werden und sie erleben dürfen, dass mit ihrer Hilfe die große Not anderer zu lindern geht, dann ist vieles möglich. Der Inhalt und die Idee zu helfen sind das Ziel und nur dies ist an so einem Abend wichtig.
Das Konzert ROCK-4-HAITI hat es wieder einmal bewiesen. Was zählt, sind nicht die Millionensummen, die sollten andere spenden, sondern das Gefühl, gemeinsam etwas getan und bewegt zu haben in Zeiten, die kalt, frostig und mitunter, so wie in Haiti, erbarmungslos und brutal sind. Es ist ein gutes Gefühl, gestern etwas Gutes getan zu haben. Jede Geste, jeder Euro und jede Aktivität ist wichtig und gemeinsam können wir viel bewegen.
DANK den Organisatoren, DANK den Musikern und schön, dass wir mit so einem Abend Gutes tun konnten.
P.S.: Während ich diese Zeilen schrieb, ist bei B & F vom sächsischen Sender nicht ein einziger Ostrock-Song gelaufen. Noch Fragen?