#1

"In Zaire" - irgendwo an der B 71

in Off-Topic 01.08.2010 19:33
von HH aus EE (gelöscht)
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„In Zaire“ - irgendwo an der B 71

Die vergangenen Wochen im Juli, Juni, Mai und weiter zurück waren nicht immer das, was ich mir unter Leben und einem zufriedenen Grundgefühl im selbigen vorstelle. Wäre ich Künstler, Profisportler oder sonst irgend ein (Berufs)Prominenter, würde die Presse wahrscheinlich über ein „Burn Out“ bei mir berichtet haben. Jedoch bin ich zum Glück keiner von diesen Spezies, aber leer, alle und ausgepowert sind Worte, die meinen Zustand ganz gut beschreiben. Die Gründe dafür sind vielfältig und die geballte Wucht all dessen hat gereicht, meine Energiereserven aufzulutschen.

Da kam eine Einladung zu einem runden Geburtstag gerade zur rechten Zeit. Weit weg von zu Hause, eine ganze Tankladung weit fort, irgendwo an der B71 in Richtung Norden. Auf dem Weg dorthin ein Halt in Berlin, um eine Entscheidung zu treffen, die mir sicher einen positiven Impuls vermitteln wird.
Außerdem ein kurzer Besuch bei zwei unheimlich netten und lieben Menschen, die beide als Lehrer und Pädagogen schon früh einen Teil meines Lebensweges ausgestaltet hatten. Mir war nach DANKE sagen, weil mir die Erfahrungen und Erlebnisse der vergangenen Monate gezeigt haben, dass dies zu Lebzeiten viel schöner ist, als in dem bitteren Moment, der irgendwann mal kommen muss – später, viel später, irgendwann einmal….

Am späten Abend dann runter von der B71 und eine kleine Halbrunde um den Dorfteich gedreht. Dort befindet sich meine „Auszeit“ inmitten von Feldern, Wiesen, Wald und dem Geruch von Landwirtschaft. Die Begrüßungszeremonie vollzieht ein Dackel namens RACKER und ein Schäferhund, dem ich mit Respekt begegne. Dies ist so etwas wie ein Vierseitenhof mit einem großen Wohnhaus, dem Seitengebäude, einer Scheue und dem Stall mit den Bullen darin. Wir stehen auf einem riesigen Hof, auf dem man mit einem Traktor bequem Runden um ein gerade leeres Silo fahren könnte. Ein Auto muss man hier nicht abschließen, wenn man es verlässt. Ein tolles Gefühl, das ich von ganz früher noch kenne!
Hier dauert auch das Abendessen noch bis zur Mitternacht und es ist völlig normal, morgens gegen 5.°° Uhr schon wieder wach zu werden, weil vor dem Haus ein Storchenpaar mit lautem Geklapper die drei Jungstörche zum Fliegen animieren möchte. Mit blinzelnden Augen beobachte ich das Spiel, um dann doch wieder wegzupennen.

Eine Stunde später habe ich mich aus dem alten Gutshaus geschlichen, um eine morgendliche Runde um den Dorfanger und den Teich zu laufen. Die Störche sind jetzt auf Nahrungssuche und die drei Jungen sehen von oben auf mich einsamen Dorffremden herab. Der läuft im Schutz riesiger Trauerweiden, vorbei an alten und schmuck restaurierten Häusern ein Mal um den „Rundling“ und genießt den Morgen. Es ist schön, so ein stilles Dorfidyll zu erleben, während sich die Sonne langsam über die Dächer und die dahinter liegende B71 schiebt.
Wieder im Hof, empfangen mich mehrere Katzen, der Schäferhund und RACKER, der mich auf meiner Hofrunde bis hin zum Stall der Bullen begleitet. Immer hinter mir oder an meiner Seite. Nur erklären kann er nichts, die vielen kleinen Geheimnisse muss man hier schon selbst entdecken.

Den ersten Kaffee gibt’s gegen 7.°° Uhr in der geräumigen Küche von der Hausherrin serviert und eine Stunde Gespräche und Geschichten völlig gratis dazu. So entsteht ein schon längst vergessen geglaubtes Gefühl von Ruhe und Entspannung, von beinahe zu Hause und eigenartig kindlicher Geborgenheit. Wie in meiner Kindheit, die ich auch auf einem Dorf verbringen durfte, begebe ich mich mit der Bäuerin, die eine Lehrerin ist, in ein benachbartes Gehöft, um von dort frische Milch aus einem ziemlich großen Tank zu holen. Einfach so, Krug drunter, Hahn auf und das war es schon. Die Kühe, von denen das morgendliche Frischgetränk stammt, stehen gleich daneben und auf der anderen Seite die jungen Kälber. Guten Morgen, ihr Rindviecher!

Gefrühstückt wird an einem großen Tisch und meist dann, wenn der Herr des Hauses, der mit Leib und Seele ein Landwirt (und Jäger) ist, zum ersten Mal von der frühen Feldarbeit auf den Hof zurück kommt. Da all die anderen an diesem Freitag nicht arbeiten müssen, dominieren Ruhe und Kaffee die gemütliche Runde. Die schwarze Katze mit dem weißen Fleck auf der Nase findet sich auch ein. Diesmal kommt MOMO sogar zu mir. Später wird sie versuchen, eine Fliege zu fangen und sich dabei reichlich dämlich anstellen, Hauskatze eben.

Bis zum Abend schaffe ich es doch wirklich, drei Mal Zeit und Ruhe für einen „Mittagsschlaf“ zu finden. Auf diese Weise kann ich zur abendlichen Geburtstags- und Grillfete in einem wunderschönen Landgasthof mit Hotel sehr entspannt erscheinen.
Dieser Abend wird ein langer werden und ein dörfliches Ritual wird viel Staub aufwirbeln. Es wird reichlich Bier geben und Schnaps, aber keine Mixgetränke. Nach einem Small Talk mit der netten Dame an der Bar darf ich mir eiskalte Cola und Wodka selbst und nacheinander in ein Glas kippen. Mixen kann ich leider nicht, aber ich weiß noch, wie viele Anteile Cola im Glas für den guten Geschmack des Getränks ausreichend sind.
Nach Mitternacht wird die Dorfjugend munter werden und ein DJ, der keiner ist, wird für mich „In Zaire“ von JOHNNY WAKELIN „auflegen“ müssen, nach dessen Rhythmus aus körperlich leichteren Jahren meine alten Knochen zu wackeln, zucken und hopsen beginnen. Das steckt noch immer in den Adern und da drinnen schäumt mal wieder das Blut. Draußen wurde „gefegt“ und im Saal wird gefeiert bis zum Abwinken. Es wird sicher auch jemanden gegeben haben, der sich über den Fremden mit den langen grauen Haaren gewundert haben wird, wie sein „Tanz“ aussah und warum der eigentlich überhaupt da war. Ich hoffe, des Rätsels Lösung hat sich inzwischen zu allen herumgesprochen.
Irgendwann später und im aufkommenden Morgen falle ich nach einer angenehmen Dusche in mein viel zu weiches Hotelbett. Das zusammengeschüttete Getränk in meinen Adern sorgt dafür, dass mir die Disco-Beschallung nichts mehr anhaben kann.

Dies war mal wieder MEIN Tag, obgleich ich nicht Hauptperson war, aber ich habe es genossen, mal wieder einfach nur auf meinen Körper zu hören, der lauschen, schlafen und ein wenig genießen wollte. Ich weiß wieder, wie Landluft riecht, in Buchenrinde gegrillter Lachs schmeckt und sich ein Tanzparkett barfuss anfühlt. Ich hab’ meine Tochter glücklich gesehen, ihren Zukünftigen beim „Fegen“ beobachtet und mich selbst wieder einmal locker und frei vom unangenehmen Druck in meinem Inneren gefühlt. Jetzt ist ein wenig Ballast weg, der Platz für ein paar neue Erlebnisse machen musste. Es sollte nun endlich wieder einmal aufwärts gehen!

Angefügte Bilder:
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zuletzt bearbeitet 01.08.2010 19:37 | nach oben springen

#2

RE: "In Zaire" - irgendwo an der B 71

in Off-Topic 01.08.2010 20:15
von PM | 4.235 Beiträge | 5060 Punkte

Da ich den Juniorlandwirt inzwischen kenne, kannst du mal schöne Grüße ausrichten .
Bei mir ist es immer anders rum, ich bin froh, wenn ich der dörflichen Idylle entfliehen kann.
Freu mich aber, dass du so ein schönes Wochenende hattest und hoffentlich sind deine Batterien wieder etwas aufgeladen.


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#3

RE: "In Zaire" - irgendwo an der B 71

in Off-Topic 02.08.2010 10:44
von Mary (gelöscht)
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Ich weiß nicht, meine Empfindung sagt mir, jedes meiner Worte wird diesen wunderbar einfühlsamen Bericht nur zerreden.
Aus diesem Grund gehe ich nicht näher darauf ein, aber ich habe jede Zeile genosssen und bin froh, dass hier auch dererlei "Glücksmomente" Platz finden.
Danke Hartmut.

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