#1

" Zum Beispiel Du, Susann" - City - doch viel mehr!

in Off-Topic 07.11.2010 11:05
von HH aus EE (gelöscht)
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„Zum Beispiel Du, Susann“ (City)

Sie ist eine aus dem Westen, also Wessi, 46 Jahre jung und ich kenne sie persönlich seit ungefähr Mitte der 1980er Jahre, brieflich schon eher. Damals gab es bekanntlich noch die DDR und Susanne saß, als Besuch aus dem Westen und ganz und gar nicht zu Familie gehörend, auf unserer Couch. Wir haben uns über meinen Vater kennen gelernt, der mit ihrem Vater Briefe, Briefmarken und Gedanken austauschte. Ein Schuldirektor einer Sonderschule in der DDR und ein Steuerberater von der schwäbischen Alb. Der Steuerberater hatte den Schuldirektor eingeladen und der war gefahren, einfach so. Seinem Sohn hatte der Pädagoge mit Hilfe von Susanne eine Schallplatte mitgebracht, die der gern haben wollte und seitdem befindet sich die „III“ von Led Zeppelin in meiner Sammlung.

Ich weiß noch, dass wir zu dritt bis spät in die Nacht saßen und diskutierten, über die DDR, den „goldenen“ Westen, das Wirtschaftswunder und wie man Sozialismus auch verstehen könnte, wenn man denn wollte, hüben wie drüben. Wir haben Musik gehört von meinen Platten. Sie wollte immer wieder Silly, City „Zum Beispiel Susann“) und Gundermann haben und noch heute gehört der singende Baggerführer zu den Leuten, dessen Lieder sie am liebsten hört. Nach dieser ersten Diskutiernacht wussten wir, dass wir aus gleichem Holz geschnitzt sind.

Ich hatte nie einen Verwandten „auf der anderen Seite“, aber wenn ich dachte, ich müsste diese oder jene Platte unbedingt haben, dann hab’ ich Briefe nach Göppingen, Tasmanien, Japan oder Schottland geschrieben und es hat immer schnell und problemlos geklappt. Trotz Zoll und auch oder gerade weil ich keine Familienbande dorthin hatte, wie einer meiner Freunde damals bemerkte.

Als die Wende und danach die Währungsunion kamen, war uns längst bewusst geworden, dass Susanne mehr war als eine, die Schallplatten schicken konnte.
Wir hatten von ihrem Vater eine Einladung bekommen, sofort nach dem Umtausch von Mark in D-Mark für drei Wochen nach Göppingen zu kommen, um von all dem Trubel auch räumlichen Abstand zu gewinnen. Kostenlos natürlich bzw. auf seine Kosten! Diese Geste hat mich und meine Familie damals nicht nur ein Mal tief emotional bewegt – DANKE Walther, auch wenn Sie es nicht mehr lesen können! Sie wussten es dennoch schon damals auch ohne wortreiche Beteuerungen, denn sie waren stets jemand, der in den Augen und in der Seele lesen konnte. Dieses Verstehen wollen und das leise Unterstützen, das haben sie auch an Susanne weiter gegeben.

Im Juni 1990 verbrachten wir drei schöne Wochen in Dußlingen und Tübingen, in Göppingen und Stuttgart und keines dieser Erlebnisse werde ich je vergessen. Nicht die verheulten Wutausbrüche an einem Feldrain sitzend, als auch ich so langsam fassen konnte, wie sehr wir belogen wurden. Nicht die fröhlichen Stunden in einer Studentenscheune und auch nicht die Verwunderung darüber, wie Jugendliche Fahnen schwenkend in offenen Autos durch Dußlingen fuhren, um Deutschland als Fußballweltmeister zu feiern. Wirklich nur deshalb werde ich dieses Sportereignis nicht vergessen.

Damals stand ich zum ersten Mal im Leben in einem Plattenladen mit abertausenden dieser schwarzen runden Dinger, die ich so sehr begehrte und es hat mich erschlagen. Ich stand zwischen den Kästen und Regalen, sah die Scheiben und war nicht in der Lage, zu suchen, geschweige denn zu wählen. Nach einer Stunde war es dann eine Solo-LP von Roger McGuinn und Susanne hat den Krampf mit keinem Wort kommentiert, sondern wortlos verstanden.

Mein Sohn, der immer für Feuerwehr jeder Art schwärmte, stand vor einem Schaufenster, in dem so ein riesengroßes rotes Ungeheuer stand. Er hatte große Augen, die Begehrlichkeit ausstrahlten und seine Eltern waren nicht in der Lage, diesen Wunsch wahr werden zu lassen. Wir hatten damals noch keine Vorstellung davon, wie unsere nahe Zukunft aussehen würde und ob sie für uns bezahlbar wäre. Es war sicher auch Angst dabei.
Am Abend des gleichen Tages war sie es, die gegen den Stumpfsinn und Ignoranz ihrer Schwäbischen Landsleute versuchte, unserem Kind eine Fackel in die Hand zu geben. Wir hatten keine, aber die Erzieher der Kindergruppe nebenan, die das bemerkten und nicht reagierten, wollte keine abgeben. Sie hat sich darüber einfach hinweg gesetzt, der leuchtenden Kinderaugen wegen.

Susanne hat uns in diesen drei Wochen unmerklich und unaufdringlich begleitet. Sie, die die DDR aus eigenem Erleben gesehen und gefühlt hatte, bekam eine leise Ahnung davon, was in unserem Innern stattfand. Ich habe damals und in all den Jahren danach nicht ein einziges Mal ein belehrendes Wort, eine drängende Geste oder eine abfällige Bemerkung von ihr erlebt. Das haben andere später zur Genüge nachgeholt und mein Bild von den Menschen aus dem „Westen“ zweigeteilt. Auch das sah Susanne und sie hat nie versucht, mich von diesem Erkenntnisweg abzubringen, ganz im Gegenteil.

Susanne war mit Judy befreundet. Beide hatten in Tübingen gemeinsam studiert und so war es nicht zu vermeiden, dass ich auch Judy schon zu DDR-Zeiten kannte. Sie schrieb damals eine Magisterarbeit über Christa Wolf, wohl bemerkt, eine Australierin, und ich versuchte, sie nach Kräften zu unterstützen. Auch Judy besuchte uns noch in der DDR und zum ersten Mal im Leben konnte ich meine englischen Sprachkenntnisse im wirklichen Leben überprüfen. Später in Göppingen hatte ich, Dank Susanne’s Unterstützung, das erste Mal die Gelegenheit, mit meinem Freund David in Schottland zu telefonieren. Solcher Art Momente und Erlebnisse könnte ich noch dutzendweise ergänzen.

Susanne begleitet mich und meine Familie jetzt schon fast 30 Jahre im Leben. Wir haben viele wunderschöne Stunden gemeinsam verbracht, stundenlang Musik gehört und Nächte hindurch diskutiert. Wir erlebten eine rauschende Feier zu einem runden Geburtstag und zu später Stunde hab’ ich dort in Kassel auch mit Claudia Roth Worte gewechselt.
Wir telefonieren regelmäßig und immer, wenn die Zeit knapp und das Leben voller Hektik ist, versprechen wir uns wechselseitig, uns endlich wieder mehr Zeit füreinander zu nehmen und sie dann auch gemeinsam zu verbringen. Auch nach 30 Jahren ist die Neugier auf den anderen ungebrochen und das Erinnern weckt den Wunsch nach neuen gemeinsamen Erleben.

Wir haben oft gemeinsam gelacht und in der jüngeren Vergangenheit auch den Schmerz geteilt, als erst meine Mutter, dann die Ihre und schließlich auch Walther, ihr Vater, von uns gingen. Es gibt nur wenige Menschen in meinem Leben, die mich wirklich kennen und denen ich meinerseits blind vertrauen und die Hand reichen würde. Das Wort Freundin umschreibt diese Verbindung nur unzureichend und wenn es in Deutschland dereinst wirklich gelebte Einheit geben sollte, dann haben Menschen wie Walther und seine Tochter Susanne dafür ehrlichen Herzens und völlig selbstlos die Grundlagen gelegt. Ganz ohne Politik, einfach nur aus sich heraus und über territoriale und geistige Grenzen hinweg.

Susanne lebt jetzt in Mainz und eigentlich wäre es schon lange wieder an der Zeit, den Alltag und die Hetzerei links liegen zu lassen und die Gemeinsamkeit zu leben. Ein Besuch, gleich an welchem Ort, wäre wunderbar und ein langer Abend mit viel Freude, Musik und gespürter Nähe wäre mein (unser) Wunsch.

Susanne hat Krebs und sie weiß es seit einigen Wochen. Tapfer und optimistisch, so wie sie nun mal ist, hat sie den Kampf aufgenommen und ihren Lebenswillen und Lebensfreude gegen diese Scheiß – Krankheit gesetzt, während ich hier sitze und hoffe, an eine denke, die mir mehr bedeutet, als so mancher, der sich „Ossi“ nennt, vom „Wessi“ redet und eigentlich nur Mensch sein sollte.

Du schaffst das, Susanne, und all unsere Gedanken, unsere Wünsche und unser Hoffen sind bei Dir!

Angefügte Bilder:
Susanne.jpg
zuletzt bearbeitet 07.11.2010 11:53 | nach oben springen

#2

RE: " Zum Beispiel Du, Susann" - City - doch viel mehr!

in Off-Topic 07.11.2010 12:25
von Bernd (gelöscht)
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An dieser Stelle auch unser Daumendrücken, daß Susanne den Kampf gewinnen wird.
Danke Dir Hartmut, daß Du uns daran teilhaben läßt.

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#3

RE: " Zum Beispiel Du, Susann" - City - doch viel mehr!

in Off-Topic 07.11.2010 13:22
von Mary (gelöscht)
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Eigentlich habe ich das Gefühl, hierauf sollte ich nichts schreiben, einfach nur dieses "Gänsehautgefühl" zulassen und schweigen...,
doch dann wieder meine ich, zu soviel Offenheit, zu so vielen persönlichen Einblicken und Gedanken muss ich zumindest eines sagen, nämlich DANKE Hartmut, dass Du uns diesen wirklich berührenden Teil Deines Lebens erzählt hast...
Und ich sehe das Ganze auch nicht nur als Erzählung, als Beitrag in diesem Forum. Für mich ist es gleichzeitig Anstoß, meine Empfindungen, mein Leben ein wenig auf den Prüfstand zu stellen...
Ohne sie zu kennen, wünsche auch ich Susanne, dass sie den Kampf gewinnt! Mit Freunden wie Euch an der Seite, Hartmut und Evi, wird ihr mancher schwere Tag leichter fallen...

zuletzt bearbeitet 07.11.2010 13:43 | nach oben springen

#4

RE: " Zum Beispiel Du, Susann" - City - doch viel mehr!

in Off-Topic 07.11.2010 13:24
von Tammi (gelöscht)
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Susanne, Dir und all Deinen Leidensgenossen wünsche ich auf diesem schweren Weg viel Kraft !
Hartmut hat Recht: DU SCHAFFST ES !

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#5

RE: " Zum Beispiel Du, Susann" - City - doch viel mehr!

in Off-Topic 07.11.2010 13:35
von Mescha | 51 Beiträge | 51 Punkte

*Schluck* ... ich bin gerade sprachlos und ich gebe zu, dass es mir nicht leicht gefallen ist, diese Zeilen zu lesen. Vati, das hat mich tief berührt, denn ich selbst kann mich sehr gut an das Feuerwehrauto erinnern und auch an andere Momente habe ich Erinnerungen. Mir fällt da auch spontan Marga ein. Und Turnschuhe.

Ich mag Susanne sehr und ich wünsche ihr nichts sehnlicher als viel Kraft, Mut und Energie. Susanne, ja! Du schaffst das!!!!

Micha

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#6

RE: " Zum Beispiel Du, Susann" - City - doch viel mehr!

in Off-Topic 25.05.2011 11:41
von HH aus EE (gelöscht)
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Es gibt vieles in diesem aberwitzigen Leben, für das zu kämpfen menschliche Power, Mut, Intelligenz und Energie einzusetzen, sich nicht lohnt: Krieg, Schönheitswahn, Geldgier, Macht, DSDS und Zickenkriege. Wir sind hier, um zu leben und zu lieben und vor allem, Gutes zu tun.
Statt „Heilige Kriege“ und die zur Rettung der Demokratie und der Werte der Westlichen Welt zu führen, sollten wir uns statt dessen zu 100% für den Kampf gegen Krebs und Konsorten einsetzen. Vielleicht würden mein Vater, Klaus (der Renft), Cäsar und viele andere noch leben und so mancher hätte einen leichteren Kampf, gegen diese und so manch andere heimtückische Krankheit. Auch mein Nachbar Dieter wäre mit 59 Jahren am vergangenen Freitag vielleicht nicht auf dem Friedhof gelandet…..

SUSANNE hat es geschafft, zumindest sieht es seit Wochen so aus. Da hat wieder mal jemand den Kampf als Sieger hinter sich gebracht und darf wieder nach vorn sehen, dorthin, wo Zukunft ist. Wir freuen uns alle gemeinsam und ein Besuch hat auch stattgefunden. Ich bin sehr glücklich und hoffe, es wird ihr und all den anderen, die ich nicht kenne, auch weiterhin gelingen, in der Siegerspur zu bleiben.

Und vielleicht werden wir ja alle mal irgendwann schlau, damit E.T. endlich stolz auf uns sein kann ………

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