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SCARLETT O' & JÖRG KOKOTT im Club Passage, Dresden

in Konzertberichte Ostrock allgemein 15.01.2011 15:45
von HH aus EE (gelöscht)
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„Die Welt ist aus den Gleisen“ – oder – Proviant für meine Seele
(Scarlett O’ und Jörg Kokott im Club Passage, Dresden)

Am liebsten mag ich Kinder- und Liebeslieder.

Wahrscheinlich dreht der jetzt völlig durch, werden da einige denken. Nicht doch, solche Lieder gibt’s auch in der Rockmusik zu Hauf, nur muss man entdecken, genau hinhören und sich darauf einlassen wollen. Aber das gilt ja für die „normalen“ Lieder in gleicher Weise und deshalb mag ich eben Kinder- und Liebeslieder. Es steckt so wahnsinnig viel Ehrlichkeit und Wahrheit darin, die zu entdecken eine Lust und dann auch eine Freude sein kann. Manchmal auch ein Schrecken. Ob dann doch etwas Groove oder Folk drunter liegt, macht die Sache höchstens noch spannender, am Wahrheitsgehalt ändert das nichts, sondern unterstreicht die Botschaft nur.
Beispiel gefällig? Wer sich noch erinnert, der singe bitte leise die letzte Strophe von „Fuchs, du hast die Ganz gestohlen“ und lande dann unweigerlich bei der mahnenden Botschaft: „Nimm, du brauchst nicht Gänsebraten, mit der Maus vorlieb.“ – Als ob man vor langer, langer Zeit schon etwas von Dioxin statt Gänsefett hätte ahnen können! Nur mit ’ner Maus mag ich mich nicht anfreunden wollen.

Die beiden stacheligen WACHOLDER-Triebe SCARLETT O’ und JÖRG KOKOTT trieben dieses Spiel gestern Abend im Dresdener CLUB PASSAGE bis zur Perfektion. Sie taten es mit sehr viel Hintersinn, oft mit einem frechen Augenzwinkern und manchmal vibrierte auch die Wut in ihren Stimmen mit. Die tagelange Beschäftigung mit dem heran steigenden Grundwasser unter dem Haus, die nicht enden wollende Dioxin-Verdünnung bis zum „erlaubten“ Höchstmaß und der Aktionismus der Politik hatten mir das Lächeln aus dem Gesicht vertrieben, so dass auch meine Seele hungrig nach neuem Proviant war. Das macht sich (bei mir) mit Musik am besten und weil meine Heimatstadt kulturell auch auf Tauchgang ist, zog es mich mal wieder in die Sachsenmetropole.

Zu meinem Erstaunen war ich nicht der einzige, dem der Sinn nach neuen Proviant stand. Bis zum Konzertbeginn hatte sich der CLUB PASSAGE dicht gedrängt mit Hungrigen gefüllt. Rings umher Stimmengewirr, Gläserklirren und Stühlerücken im gedämpften Licht und dann plötzlich Ruhe, als die beiden Akteure den Abend mit einem „Liebeslied“ eröffneten. Leise und stimmungsvoll, nur von Gitarre und Flöte untermalt, wurden meine Gedanken langsam entführt. Danach gleich noch ein „Neues Liebeslied“, diesmal legte sich SCARLETT ein Akkordeon auf den Schoß, während KOKOTT sang. Mir war nach Schweben, nach Erinnern und eigentlich nach richtig abschalten wollen.

Wer nicht weiß, was Nilpferde mit Frauenliedern zu tun haben könnten, den muss ich auf die entsprechende CD draußen auf dem Tisch verweisen, so wie es SCARLETT auch tat. Daraus gab’s auch so eine Art Liebeslied und eine Zeile darin hat mich dann den ganzen Abend doch wieder wach sein lassen: „Die Welt ist aus den Gleisen“. Plötzlich war die Realität wieder hautnah und das blieb sie dann auch für den Rest des Abends, gleich ob beide musikalisch an WACHOLDER – Zeiten erinnerten, indem sie das Liebeslied für (London)Derry sangen („Die Stadt, die ich so geliebt“) oder mit „Holiday in Guantanamo Bay“ an ein nicht eingelöstes Wahlversprechen von Barrack Obama mit bissig-sarkastischen Worten erinnerten. Gelogen wird überall auf der Welt, von den Herrschenden und „Mächtigen“ erst recht, gleich ob’s um Guantanamo, Dioxin oder um Wahlen überhaupt geht. Die „demokratisch Auserwählten“ taugen schon lange zu nichts mehr, außer zum Lügen verbreiten!

SCARLETT O’ und JÖRG KOKOTT plauderten und sangen sich mit uns durch ihr Leben und durch ihre liebsten Lieder. Da war die Rede vom Umzugshobby, das mit einer „Pastorale“ im 3/4Takt ein musikalisches Gewand bekam oder auch von einer alten Amiga-Platte namens „Celtic Tradition“ mit „Lover’s Ghost“, die es mal zu DDR-Zeiten zu kaufen gab. SCARLETT erinnerte an eine Begegnung, die KO mit Dick Gaugchan hatte und von der er eine Gitarrenstimmung in „DAD GAD“ mitbrachte, in der er dann auch ein kräftiges Instrumental in „Folk’n’Heavy“ erklingen ließ. Wir sangen gemeinsam die „Kleine Eisenbahnballade“, die einst die blonde Schönheit Maryla Rodowicz aus Polen zu uns brachte und der interessierte Zuhörer erfuhr, was „Marmor, Stein und Eisen bricht“ mit Salvatore Adamo zu tun hat – nämlich nichts. Jedenfalls haben wir alle lachend mitgesungen bei „Gute Reise, schöne Rose, gern laß’ ich dich gehn“. Noch so ein Liebeslied aus bunten Kessel’s Zeiten.

So mancher wird staunend erfahren haben, wie vielfältig doch Liebeslieder erklingen können. Mir blieben vor allem „S. ist was passiert“ und die „Ballade von der Heester Jonas“ im Gefühl kleben und es kam auch der Moment, vor dem ich mich ein wenig gefürchtet hatte. Es waren die Erinnerungen an Weggefährten, die ihren irdischen Weg beenden mussten. Viel zu früh, wie SCARLETT bemerkte. Da waren sie wieder, der Kloß im Hals und die Träne im Augenwinkel. Mit der musikalischen Erinnerung an Franz Bartzsch und einer gefühlvollen Interpretation von „In jener Nacht“ sprach SCARLETT von Reinhard „Mischwald“ Buchholz, Tamara, Gundi und ihrer eigenen Hoffnung, sie mögen da oben bitte nicht alle Harfe spielen müssen. Sie nahm wieder das Akkordeon auf den Schoß und schon bei den ersten Tönen wusste ich, jetzt kommt das „Gras“, das immer wieder wächst und JÖRG sang danach von Renft den „Wandersmann“, der über’s „Gras“ läuft, denn „Gehen auf der Stelle, hat er nicht gekonnt“. CÄSAR mit Harfe – das wird der da oben sich nicht antun wollen, hoffe ich.

Das deftige Stück vom Liebeslied gab’s zum Schluß. Genüsslich zelebrierten die beiden „Ich hab’ meinen Mann geschlachtet“ und sangen von der brummenden Tiefkühltruhe und deren zerstückelten Inhalt. In Zeiten wie diesen, darf man das Leben auch ruhig mal eine Portion ironischer betrachten und einen solchen Abend mit lachenden Augen zu beenden, ist der beste Proviant für die Seelen. Deshalb gab’s dann auch besagtes Kinderlied, das ich tatsächlich bis heute nicht auf seinen Wahrheits- sprich Dioxingehalt geprüft hatte. Ob allerdings Reinicke Fuchs davon was weiß, darf bezweifelt werden. Das Lied jedenfalls hab’ ich summender Weise mit nach Hause geschleppt und den neuen Proviant für mein Seelenleben auch. Die Welt ist zwar immer noch aus den Gleisen und das Grundwasser drückt wieder durch die Bodenplatte(n), aber ich weiß mal wieder, dass man(n) dennoch lachen kann oder am besten, ich lache zur Abwechslung mal drüber.

Zu Hause, frühmorgens in der zweiten Stunde, bin ich an mein Plattenregal gegangen, hab’ mir die LP „Celtic Tradition“ rausgesucht und mir die erste Seite mit „Lover’s Ghost“ bei einem Gläschen angehört. Schön, dass es Dinge im Leben gibt, die auch wie Seelenproviant wirken und auf die man sich verlassen kann. Danke für die Erinnerung, ihr beiden (Folk)Musikanten!

Angefügte Bilder:
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zuletzt bearbeitet 15.01.2011 15:45 | nach oben springen

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RE: SCARLETT O' & JÖRG KOKOTT im Club Passage, Dresden

in Konzertberichte Ostrock allgemein 15.01.2011 17:38
von PM | 4.235 Beiträge | 5060 Punkte

Danke Hartmut, ich glaub, ich hab dieses Progamm schon zwei Mal gesehen, troztdem entdeckt man immer wieder Neues und in deinen Zeilen auch.


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