Zum Tagesabschluss hier noch ein neues Kapitel aus den bisher nicht erschienen Gesammelten Werken von Kundi, Band 1, 2 oder 3?, Kapitel ???, Seite ??? ff.
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Wenn man sich erstmal zu einer Entscheidung durchgerungen hat, können zumindest ausgewählte Abende des Lebens doch ein Wunschkonzert sein bzw. zu einer musikalischen Festivität führen, die für meine Begriffe wahrlich das Prädikat Wunschkonzert verdient.
Was tut man aber, wenn die Auswahl an interessanten Gigs sehr groß ist und zum Beispiel das Wetter, der Geldbeutel oder die aktuelle Verkehrslage die Entscheidung nicht beeinflussen?
Man sucht sich die passende Mugge irgendwie aus.
Am vergangenen Sonnabend startete ich im Tagesverlauf mehrmals gedanklich die Ziehung der Lottozahl 1 aus 8, denn in meinem angenommenen Ziehungsgerät befanden sich 8 Veranstaltungen (mehr oder weniger säuberlich, nummeriert im Kalender notiert) und nur eine konnte diesmal meine persönliche Glückszahl sein. Am Ende gewann die Unter Ziffer 2 aufgeführte Mugge. Ob ich die Auslosung eventuell mittels Bauchgefühl manipuliert habe, bleibt mein Geheimnis. Da ich aber Ziehungsleiter, Durchführender der Gewinnermittlung und Hauptgewinner in Personalunion war, könnt ihr davon ausgehen, dass alles seine Ordnung und Richtigkeit hatte *g*;-). Nachdem das Endergebnis electra im „Tivoli“ Freiberg geistig „amtlich“ festgestellt und verkündet war, lief dann meine abendliche Unternehmung wie das sprichwörtliche Brezelbacken ab. Hin- und Rückfahrt, Veranstaltungsort, Band und Publikum – alles war im grünen Bereich.
Die Herren von electra starteten diesmal gleich mit klassischen Klängen von Bach und Aram Chatschaturjans „Säbeltanz“. Ich behaupte mal, dass die Band electra durch ihre phantastischen Adaptionen im Laufe der Jahre manchem vermeintlichen Kunstbanausen doch die Tür und den Zugang zur Musik von Bach, Mozart, Rachmaninow oder Grieg geöffnet hat. Bei mir war das jedenfalls der Fall, dass ich über die Rockmusik auch den Weg zu den Klassikern fand. Die Stern Combo Meißen, ELP, Tomita möchte ich in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt lassen. Was keinem Musiklehrer jemals so richtig gelang, schafften diese ganzen Rocker, nämlich mich auch für diese Musik zu begeistern. Auf der manchem Puhdys-Fan heiligen Bühne des „Tivoli“ schwangen Bernd Aust und seine Kollegen einen Abend lang den musikalischen Zauberstab. Es ist merkwürdig, aber electra ist, meiner Vorstellung nach, die einzige Band von der ich keine neuen Lieder mehr brauche und auch nicht erwarte. Das liegt einfach daran, dass die Jungs schon genug zeitlose Werke geschaffen haben. Na gut, die eine oder andere REFORM-Perle könnte ich mir schon sehr gut im Repertoire von electra vorstellen. Schließlich ist Trepte höchstselbst ja beim Aust-Orchester am Gesangsmikrofon zu finden. Zumindest waren am Sonnabend mit „Wie im Film“ und „Wenn die Blätter fallen“ wieder zwei REFORM-Songs im Programm. „Dicke Bohnen“ wäre aber auch mal wieder schön, das soll aber keine Kritik sein, sondern eher mein nicht ganz so geheimer Wunsch.
Die Musiker ließen vereint ihren musikalischen Spieltrieben freien Lauf. Sie können es alle noch und vor allen Dingen sie WOLLEN auch noch. Nichts ist für den Live-Musik-Fan ja schlimmer, als eine lustlose und gelangweilt daherkommende Band. Davon ist electra „Gott“ sei Dank auch im 42. Jahr ihres Bestehens meilenweit entfernt. Wie ein sehr guter Wein oder Whisky ist auch electra mit den Jahren gereift und es bereitet mir immer wieder Freude einen kräftigen Schluck aus der Live-Pulle electra zu nehmen. Welche Band kann schon auf 3 großartige Sänger zurückgreifen? Stefan Trepte, Gisbert Koreng und Peter „Mampe“ Ludewig sind jeder für sich ja schon ein Genus. Diese 3 Nachtigallen aber bei electra an einem Abend zu hören, ist immer noch das absolute Hör- und Seherlebnis. Dass wir diese Erfolgsgeschichte mehr oder weniger einem Bühnenunfall von Stefan Trepte im Jahr 2007 verdanken, ist dabei schon fast in Vergessenheit geraten. Ich weiß aber noch, wie baff ich damals (August 2007) beim electra-Konzert in Radeberg war, als der alte Fuchs Bernd Aust den Gisbert Koreng wieder als Sänger förmlich aus dem Hut zauberte. Seit Trepte’s Genesung
teilen sich die 3 stimmgewaltigen Herren nun die Gesangspart’s und ich finde das schlichtweg wunderbar. Die Musiker selbst fanden dafür die scherzhafte Erklärung, dass bei keinem der 3 „alten Säcke“ die Luft sowieso nicht für ein ganzes Konzert reicht.
In Zeiten von Fukushima kann man die Aktualität eines über 25 Jahre alten Liedes wie „Vier Milliarden in einem Boot“ nahezu schmerzlich fühlen. Die Zahl 4 stimmt zwar nicht mehr, aber trotzdem verursachte dieses Lied am Sonnabend mit Gisbert am Mikro bei mir ein leichtes Frösteln. Egal, ob 6 oder 7 Milliarden jetzt auf diesem Planeten leben, gelernt hat Mensch, wie es aussieht, seit damals nichts. Doch für andere Gedanken sorgte dann schon Peter „Mampe“ Ludewig. Im Juni wird der Mann siebzig Jahre alt, aber er hat noch so viel Feuer unterm Ar***, dass er eine affengeile Rockshow abziehen kann, von der sich manch jüngerer Künstler noch mehr als eine Scheibe abschneiden könnte. „Weiter, weiter“, Das kommt weil deine Seele brennt“ , „Alter, Alter, Dankeschön“ – Mampe drückte jeden Lied seinen ganz besonderen Stempel auf. Doch seine Parade-Rolle spielte und sang er in „Der grüne Esel“. Gerade diesen Stück scheint ihm auf den Leib geschrieben zu sein und als Narr hielt er uns praktisch den Spiegel vors Gesicht, denn wie oft rennen wir alle irgendwelchen „grünen Eseln“ hinterher? Die Frage soll sich jeder selbst beantworten.
Keines falls darf man in diesem Bericht die Musiker an den Instrumenten vergessen, denn sie sind alle Meister ihres jeweiligen Faches und das macht das besondere Klangerlebnis electra auch aus. Wolfgang „Kuddel“ Riedel feuerte förmlich sein legendäres Solo aus den 4 Saiten seines Basses. So ein Feuerwerk der tiefen Töne hört man nicht alle Tage. Bernd Aust trieb den Fans besonders mit der Querflöte bei „Lokomotive Breath“(stilecht mit dem Anderson’schen Kratzfuß) und beim Solo die Tränen der Begeisterung in die Augen. Aber auch seine Saxophon-Klarinetten-Doppelnummer bei „Tritt ein in dem Dom“ wird immer wieder gerne gehört. Ecki Lipske hat dem Blues von Gary Moore bei „Still got the Blues” neues Leben eingehaucht. Ansonsten spielte er natürlich eine grundsolide Rockgitarre. Für mich zählt er sowieso zu den besten und vielseitigsten Klampfern im (ost-)deutschen Live-Geschäft. Was da im Hintergrund der Bühne donnerte, war natürlich kein Gewitter, sondern ein kräftiges Schlagzeugspiel. Falk Möckel heißt der Mann an den Drums bei electra und mittlerweile ist er auch schon über 15 Jahre dabei. Möckel hat wirklich Rhythmus-Gefühl. Er trommelte wirkungsvoll, effektiv und das ohne Aufsehen. Andreas „Bruno“ Leuschner hat sein 25jähriges Dienstjubiläum bei der Combo auch schon lange hinter sich. Der Tasten-Mann machte den Klangteppich durch sein Spiel komplett und auch an der Blockflöte setzte er mehrmals (Ton-)Zeichen.
Dass Publikum steigerte sich im Verlauf des Abends gewaltig. Bei „Nie zuvor“ hörte die Band dann endlich auch mal einen ordentlichen Begleitchor aus dem Saal.
So waren nach dem finalen „Tritt ein in den Dom“ mehrere Zugaben die logische Folge. „Good Golly Miss Molly“ heizte die Massen noch mal so richtig an. Mit dem leisem, nachdenklichen „Seh in die Kerzen“ setzten Stefan und Bruno dann für diesen Abend den musikalischen Schlusspunkt.
Gruß Kundi