#1

206 am 16.04.11 in Bautzen

in Off-Topic 17.04.2011 22:27
von Kundi (gelöscht)
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Ihr müsst jetzt ganz stark sein, denn jetzt kommt mein Wort zum Sonntag:

Für einen frischen musikalischen Wind bin ich eigentlich immer zu haben. Das zieht sich ja wie ein roter Faden durch meine Berichte von Konzertbesuchen. Ich war nie der Typ, der nur einer Band hinterher reist und dabei den Blick in andere Musikrichtungen völlig ausblendet. KLARtext, 7ieben oder AufSturz beispielsweise kannte damals kaum jemand als ich erstmals über diese Bands schrieb. Heute ist das normal, dass ich ab und an von Konzerten dieser und anderer Kapellen berichte und es mehren sich die Leute, die mit dieser Musik auch was anfangen können. Trotzdem stürze ich mich nur noch ganz selten blindlings in ein neues Live-Abenteuer. Schließlich möchte ich meine Zeit am Wochenende nicht verschwenden und das Geld auch nicht sinnlos zum Fenster rauswerfen. Ein paar Blicke ins Internet sind da gelegentlich ganz hilfreich. Deshalb wusste ich auch ungefähr, welche Art Musik mich am Sonnabend im Steinhaus Bautzen erwartete. Mit Goldner Anker aus Dresden (www.myspace.com/goldneranker) und der Hallenser Band 206 (http://www.myspace.com/zweihundertsechs) fuhren im Steinhaus 2 ausgesprochen schwermetall-lastige Punkrock-Geschütze auf. Ich mag zuweilen sowieso auch mal etwas deftigere Mugge und neugierig, wie sich diese Bands live schlagen würden, war ich natürlich sowieso. Ich brauchte mir über meine Abendgestaltung also keine Gedanken mehr machen und ich steuerte Richtung Bautzen.

6 Euro Eintritt für 2 Bands nenne ich doch mal ein äußerst günstiges Angebot. Zunächst drehte sich aber im Steinhaus außer den Uhrzeigern gar nix. Diese Warterei war öde und nur ganz schleppend fanden sich weitere Besucher ein. So etwas nervt mich ja unwahrscheinlich und meine Geduld wurde noch auf eine harte Probe gestellt. Zu fortgeschrittener Stunde, nämlich gegen 22.15 Uhr, wurde ich endlich erlöst. Goldner Anker bezeichnen ihre Musik selber als Powerpop, aber diese Bezeichnung täuscht gewaltig. Live war von Pop nämlich wenig bis gar nichts zu merken.
Knallharter Punkrock passte da aus meiner Sicht eher, um das zu beschreiben, was das Trio musikalisch ablieferte. Das Set bestand aus kurzen, knackigen Songs mit viel Rhythmus und Tempo, die an den urwüchsigen Punk der endsiebziger Jahre erinnerten. Dieses rauhe, wilde und schweißtreibendes Gewitter aus Schlagzeug, Bass und Gitarre spülte auf jeden Fall die Gehörgänge frei. Für mich persönlich war ein kleiner Wermutstropfen dabei, denn Goldner Anker bediente sich in ihren Liedern der englischen Sprache. Aber die Stimme von Sängerin Claudia hat das gewisse Etwas. Sie sang sehr ausdrucksstark und mit ihrer leicht kratzigen Stimme schrie sie sich zeitweise die Seele aus dem Leib. Der Titel „My Town“ erinnerte im Strophenteil ein wenig an Judith Holofernes und ihre Band Wir sind Helden. Doch der Refrain kam wieder kraft- und druckvoll rüber, so dass sämtliche Weichspüler-Vergleiche sofort wieder vom Tisch gewischt wurden. Sängerin/Gitarristin Claudia, Schlagzeugerin Lena und Bassist Malle erreichten an diesem Abend mit ihren ohrwurmtauglichen Punkmelodien mehr als einen Achtungserfolg und waren somit letztendlich eine nahezu perfekte Vorband. Bei der Tonaussteuerung hätte ich mir allerdings an einigen Stellen den Gesang etwas vordergründiger gewünscht. Goldner Anker arbeiten zur Zeit übrigens an einem Album und ich sehe jetzt der Veröffentlichung mit Spannung entgegen.
Nach einer entsprechenden Umbaupause kam mit der Band 206 aus Halle das nächste Trio an die Reihe. Angeführt von Sänger, Gitarrist und Texter Timm Völker präsentierte die Band in Bautzen Lieder von ihrem Debutalbum „Republik der Heiserkeit“. Die Scheibe ist im Februar diesen Jahres erschienen. Ich schreib es frei heraus und gleich an dieser Stelle, 206 hat mir wirklich richtig gut gefallen. Diese Kombination von intelligenten, nachdenkenswerten Texten mit eingängigen Melodien traf bei mir genau ins Schwarze. Der schmächtige Timm Völker kann mal ein ganz großer Frontmann werden. Der Junge hat alles, was ein guter Sänger braucht. Dazu zähle ich sein Charisma, seine Stimme und die Gabe sich seine eigenen Texte auf den Leib zu schreiben.
Mit „Keine Sonne keine Cola“ legte die Band los und mir klappte nach wenigen Minuten die Kinnlade runter. Damit meine ich nicht, dass 206 etwa optisch was Aufregendes veranstaltet. Zwei Leuchtkästen dienten neben der hauseigenen Lichtanlage als Bühnendekoration und das war’s dann auch schon. Was mich so ansprach und berührte, waren wirklich die Musik und die Texte. Was zeichnet denn nun 206 so aus? Zunächst einmal finden sie in ihren Liedern klare, verständliche Worte und verpacken diese in ansprechende Musik. 206 ist auch auf dem besten Wege live der absolute Kracher zu werden. Was ich am Sonnabend gesehen und gehört habe, bestärkt mich da in Meiner Meinung. Timm Völker sang mit einer Leidenschaft und Glaubwürdigkeit, die mich sehr stark beeindruckt hat. Aus seinem Innersten heraus flüsterte, sang und schrie er seine Botschaften. Manchmal kam er mir seltsam verletzlich vor, im nächsten Moment spürte man dann aber wieder förmlich seine Wut, die sich im Gesang Bahn brach.

206 –Lieder handeln nicht von Liebe, Luft und Sonnenschein, sondern eher vom Alltag und ihren Beobachtungen von Mensch und Gesellschaft. Anders ausgedrückt, sie legten den Finger in so manche öffentliche und/oder persönliche Wunde. Wenn man so will kann man das auch mit Punkrock mit Hirn, Herz und dem aufrührerischen Geist der Jugend beschreiben.
Beispiele gab es im Konzert und gibt es auf der CD zu hauf. In „Goldjunge“ beleuchteten die 206er die Armut, in „Junge von heute“ zeichneten sie das Bild einer perspektivlosen, neben der Spur stehenden Jugend im Hier und Jetzt. Friede, Freude, Eierkuchen klingt natürlich anders, aber ich kann mit diesen Liedern doch was anfangen. Stoff zum Nachdenken bieten sie allemal.

Schlagzeuger Florian Funke und Bassist Leif Ziemann bereiteten ihrem Sprachrohr und Gitarristen ein erdiges, treibendes Fundament. Man sagt ja dem Punk nach, dass er mit 3 Akkorden auskommt, aber was diese Band live aus sich herauskitzelte, war für mich die reinste Offenbarung. Solide Handarbeit nenne ich so was auch gerne. Gute, ansprechende Musik kann ja so einfach daherkommen. Eigentlich möchte ich bei 206 nicht von hitverdächtiger Mugge schreiben, aber solche Nummern wie „Republik der Heiserkeit“ und „Hallo Hölle“ haben in meinen Augen verdammt viel Substanz. Der Band ist deswegen auch ein viel größerer Hörerkreis zu wünschen. Den Leuten im Steinhaus hat 206 jedenfalls absolut zugesagt und das machten sie auch durch Beifallsbekundungen und Zurufen deutlich. Timm, Florian und Leif waren sich daher auch nicht zu schade für die leider nur etwa 40 Besucher ein paar Zugaben zu geben. Das fand ich sehr sympathisch. Mit dem eigenen „Kratzer to the Top“ und einem mir nicht geläufigen Coversong verabschiedeten sie sich dann leider viel zu schnell. Wenn ich an der Mugge überhaupt was zu meckern habe, dann ist es die mit einer reichlichen Stunde doch eher kurze Spielzeit. Aber ich denke, dass die Band das Programm in der Zukunft sicher auch noch ausbauen wird. Der Grundstein ist mit den Liedern von „Republik der Heiserkeit“ jedenfalls gelegt.


Gruß Kundi

Fotos Vorband Goldner Anker

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#2

RE: 206 am 16.04.11 in Bautzen

in Off-Topic 17.04.2011 22:38
von Kundi (gelöscht)
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Fotos Hauptband 206

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#3

RE: 206 am 16.04.11 in Bautzen

in Off-Topic 19.04.2011 21:23
von PM | 4.235 Beiträge | 5060 Punkte

Wär toll, wenn die von dir beschriebene Band wirklich den Durchbruch schaffen würde. Neue Bands sehe ich skeptisch, weil 80% davon textlich nur "Ich und meine gestörten Beziehungen" artikulieren können. Wenn da mal welche kommen, in deren Texten die wirklichen Probleme dieses Landes auftauchen, wär das schon ein kleines Wunder. Und wenn sich dann noch genügend Leute einfinden, die das auch hören wollen, würde ich aus dem wundern nicht mehr rauskommen.
Gucke jetzt mal bei myspace nach 206.


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#4

RE: 206 am 16.04.11 in Bautzen

in Off-Topic 20.04.2011 19:28
von PM | 4.235 Beiträge | 5060 Punkte

Feine Titel bei myspace. Die entsprechen heute voll meiner Gemütslage.
Bei mir auf Arbeit war diese Nacht "Tag der offenen Tür" Alles was mir lieb und teuer war, ist nicht mehr da...


Klick mal druff hier:

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#5

RE: 206 am 16.04.11 in Bautzen

in Off-Topic 20.04.2011 20:39
von Kundi (gelöscht)
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@ PM:

Ich habe den Eindruck, dass Du mit 206 auch was anfangen kannst. Sogar in Deinem My Space-Freundeskreis haben sie schon Aufnahme gefunden. Es freut mich sehr, dass ich Dich mit meinem Geschreibsel etwas neugierig machen konnte.

...und haben die ungebetenen Besucher letzte Nacht in der Firma wenigstens auch die unerledigten Vorgänge mitgenommen oder gar abgearbeitet? Das wäre doch mal ein sinnvoller EInbruch.

LG Kundi

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#6

RE: 206 am 16.04.11 in Bautzen

in Off-Topic 20.04.2011 20:52
von PM | 4.235 Beiträge | 5060 Punkte

Alle Instrumente zum Bearbeiten des Klientels sind weg. Na gut, Bleistifte haben wir noch einige.


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