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SONNY & EBERHARD STRUCH - live im Kunsthof Gohlis

in Off-Topic 30.10.2011 19:02
von HH aus EE (gelöscht)
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Picking, Blues & Soul - Sonny & Eberhard Struch live

Nachdem sie die heute legendäre Band Pantha Rhei verlassen hatte, gründete VERONIKA FISCHER im Jahre 1974 ihre eigene Band und noch im gleichen Jahr erschien bei Amiga deren erste Single. Der „Blues von der letzten Gelegenheit“ schlug bei den Fans und in den Wertungssendungen des Rundfunks wie eine Bombe ein. An den Aufnahmen zu dieser Single war als Gitarrist noch Peter Schlesinger beteiligt, doch schon bei der ersten Langspielplatte, die ein Jahr später 1975 erschien, zupfte EBERHARD STRUCH die Gitarrensaiten. Zupfen ist in diesem Fall fast wörtlich zu nehmen, denn der Mann war schon damals einer der besten „Zupfer & Picker“ zwischen Bluesgrass, Folk & Blues und konnte mehr, als nur mit dem Plektrum die Saiten anzuschlagen. Nach einem kurzen Intermezzo bei der Schubert-Band sowie bei der kurzlebigen Band von Holger Biege, widmete sich Struch gänzlich seinem eigenen Metier und war fortan fast nur noch als Solist „on the road“ unterwegs.

Zu dieser Zeit hatte SONJA „Sonny“ HILSE die Karriere bei Fritzens Dampferband, als Nachfolgerin von Nina Hagen, schon hinter und die einer Solistin vor sich. Irgendwo und irgendwann, zwischen Mugge, nächtlicher Autofahrt und einem Kaffee in der Kantine, liefen sich Conny und Eberhard über den Weg, der fortan ihr gemeinsamer auf den Bühnen und im Leben wurde. Als Amiga die LP „Flußfahrt“ (1987) unter die Leute brachte, waren die beiden längst mehr als ein Geheimtip und die Platte lediglich eine Bestandsaufnahme dessen, was Eberhard Struch aus den Saiten zu zaubern vermochte. -

Schon wieder der Kunsthof in Gohlis mit all dem liebevoll dekorierten Gestrüpp, Kerzen und alten Gitarren im Wohnzimmer. Hier treffe ich zum ersten Mal auf die (ost)deutsche Guitar-Picking-Legende und die exzellente Blues- und Soulstimme, die einem Hinweis von „Gotte“ Gottschalk auf diese Spielstätte folgten und nun endlich auch hier sind. Während die Gäste noch mit Begrüßung und dem ersten Bier beschäftigt waren, erklingen vom Podium schon die ersten Blues-Takte. „Before You Accuse Me“ stammt eigentlich von Bo Diddley, der sie Ende der 50er schrieb und die ich auch aus Diestelmann-Konzerten kenne. Aber auch Clapton spielte den Song 1992 „Unplugged“, von Andy Fairweather-Low (!) begleitet. Nun also höre ich die andere Version im Picking-Style und der Kreis schließt sich.

Auch „Change The World“ ist eine Nummer, die Clapton für einen Film als Liebeslied einspielte, aber durchaus auch anders verstanden werden kann: „Das Einzige, was mich hier noch hält, ist die Erdanziehungskraft“ (Sonny), als Kommentar zu den aktuellen Glanzleistungen heimischer Politik“profis“. Eberhard Struch zupft dazu eine traumhaft fließende Gitarre, deren Zirpen und Singen zum Träumen verleitete. Darüber hinaus scheint Sonny eine Vorliebe für Tracy Chapmann zu haben, denn wir bekommen sowohl „Talking About Revolution“ als auch „Fast Car“ in einer eigenwillig souligen Version zu hören und mich beschleicht eine leise Ahnung, welch einzigartige Stimme da gerade die Töne nach ihren eigenen Vorstellungen zu formen vermag. Das hatte schon was besonderes.
Zwischendurch lässt Eberhard Struch seine instrumentalen Fingerfertigkeiten auf der Picking-Guitar als kleine Soli mit 180 km/h zwischen den Bünden auftauchen, dass er eigentlich hätte geblitzt werden müssen, so schnell ging das! Beim Titelstück der LP „Flussfahrt“ kann er sich dann ausführlicher austoben und auch hier durfte man über die rasanten Läufe und schnellen Griffwechsel nur staunen. Für kurze Augenblicke bleiben die halbleeren Gläser auf den Tischen stehen, um diesem kleinen Stück Instrumentalkunst stürmischen Applaus nach vorn zu schicken.

Wir hören eine gefühlvoll gesungene Version von Jose Feliciano’s „Listen To The Falling Rain“, bei der Sonny’s Stimme verträumt der Melodie folgt, um kurz darauf bei „Caledonia“ wieder stürmisch und rau dem Blues zu frönen, mit einer Stimme, die pure Leidenschaft ausstrahlt. Das reißt mit, so dass erst Füße und dann die Hände in Bewegung geraten. Sie singt uns sodann Don McLean’s Geschichte des Rock’n’Roll, voller Anspielungen und Zitate, die durch den Text von „American Pie“ (1971) geistern und spätestens jetzt merke ich in ihren Augen, wie sehr wie uns auch stumm verstehen. Das war halt „unsere“ Zeit, deren Erinnerungen uns keiner nehmen kann und als wollte Eberhard Struch diesen Gedanken in mir festigen, beginnt er ein Instrumental-Medley von Beatles-Klassikern, das mir schlicht den Atem verschlägt. Was da von „A Hard Day’s Night“ als „picking the beat in blues“, über „Here Comes The Sun“ und „Norwegian Wood“, mit der Erinnerung an Melanie Dekker, bis hin zu “Day Tripper” aus den Saiten der Gitarre gefeuert wurde, war ein einziger Rausch und geht mit Worten nicht zu beschreiben. Sammelt eure letzten Euronen, Leute, fahrt zum nächsten Termin, kauft euch ein Ticket und lasst euch von einzigartigen Beatles-Variationen in eure Jugendjahre beamen – es ist zum Heulen schön. Der Mann vor mir mit seiner unscheinbaren „komischen“ Gitarre auf dem Oberschenkel, sollte dies und noch mehr auf CD pressen lassen. Für sich selbst und für ein paar Verrückte wie mich. Hammergeil!

Danach brauchten seine Finger ein kühles Bierglas und seine Kehle wohl auch, bevor beide mit „Feet On The Ground“ (Marla Glenn) und dem „How Long Blues (Dub’n’Doola)“ einzigartig schöne Musik zum Entspannen und Genießen in die stickige Luft zauberten. Für Leute mit gutem Erinnerungsvermögen folgten „These Boots Are Made For Walking“, zu dem ich noch als Schüler bei Penne-Feten getanzt hatte und der Box Tops – Klassiker „The Letter“, den viele von Joe Cocker kennen und ich auch von Gretchen Peters live gehört hatte. Diese beiden Versionen bestachen wieder durch den völlig anderen Gesang mit einem Touch von Soul und Blues und einem Gitarrenspiel, das den Songs ganz neue Klangfarben und Tempi abgewinnen konnte. Mein lieber Herr Gesangsverein!

Wer meinte, das wär’s jetzt gewesen, wurde von einer herzhaft erfrischend singenden Sonny mit „Sunny“ überrascht und wurde danach von der Wucht und Explosivität des Doors-Klassikers „Light My Fire“ beinahe erschlagen. Diesen bluesigen Saitenkracher könnte auch Jim in Paris mitbekommen haben, so sehr schienen die Saiten zu glühen und so viel Feuer und Power steckte darin. Kaum zu glauben, was dieser Typ da vorn mit seiner Gitarre anstellt!
So sehr mich der Rock’n’Roll fesselt und so sehr ich die alten Klassiker meiner Jugend liebe, an diesem Abend war ein altes Lied von Hannes „dem Barden“ Wader (Hallo, Petra ) mein heimlicher Favorit, weil es synonym für Leute wie mich und die beiden da oben steht.
„Heute hier, morgen dort“ aus „7 Lieder“ (1972), dem eigentlich „Indian Summer (Day To Day, Town To Down)“ von Gary Bolstad zugrunde liegt, ist eines der Lieder unserer Generation und steht vielleicht auch ein wenig für deren Drang, nicht an einem Ort, gedanklich oder real, fest kleben zu wollen. 68er eben. Ich hab’ die Melodie mit Sonny mitgesummt und mich auf diese Weise all meinen Erinnerungen und Träumen hingegeben.

Nach so einem Event bleibt mal wieder das Gefühl, dass Musik, intim und intensiv erlebt, auch tiefer wirkt, egal ob bei Andy Fairweather-Low oder Eberhard Struch. Da können die Boxentürme in den Stadien noch so wummern. Beiden ist, wie vielen anderen auch, die Fähigkeit zu persönlichen Kontakten noch nicht abhanden gekommen und deshalb zieht’s mich ja auch genau dorthin. Mit gelebten Jahren werden wohl auch die Sensoren feiner und nehmen Nuancen auf, die der Jugend noch nichts zu geben vermögen. Von mir aus könnte diese Nacht eigentlich noch eine lange werden, weil wir ja irgendwann nach Mitternacht die uns im Frühjahr geklaute Stunde zurück bekommen würden. Doch vor diesem Moment war leider schon alles zu Ende. Die Emotionen und Gedanken allerdings hab’ ich mitgenommen, damit sie noch lange in mir leise schwingen, so wie Sonny sang: „Day After Day“ – Tag für Tag.
Die CD der beiden habe ich jetzt auch hier und vorerst in mein Regal zu den anderen und zum Vinyl gestellt. Eigentlich bräuchte ich ein zweites Leben, um das alles wenigstens noch ein Mal auflegen und hören zu können. Dann aber bewusster und vielleicht auch mit mehr und feineren Sinnen, die ich manchmal der Generation meiner Kinder wünschte.

Angefügte Bilder:
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Struch CD.jpg
Struch Flußfahrt Cover.jpg
Struch, Fischer, Single.jpg
zuletzt bearbeitet 30.10.2011 19:06 | nach oben springen

#2

RE: SONNY & EBERHARD STRUCH - live im Kunsthof Gohlis

in Off-Topic 30.10.2011 20:11
von PM | 4.235 Beiträge | 5060 Punkte

Als ich die Überschrift so las, sagte es mir erst mal gar nichts. Aber ich glaub, mir hätte das auch gefallen und vielleicht kreuzen sie mal meinen Weg.


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