#1

Also, man nehme ....

in Konzertberichte Ostrock allgemein 15.06.2009 22:08
von Wodka (gelöscht)
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Eigentlich ist es so einfach .... Man nehme einen Bassisten, der sein Handwerk versteht, einen Schlagzeuger, der ordentlich trommeln kann, setze den Veranstalter an sein Keyboard und stelle davor Jürgen Kerth mit der Einen, die erliebt, verlege das Ganze in einer zauberhafte Umgebung und man hat eines der schönsten Konzerte, die man sich vorstellen kann.

Aber der Reihe nach ...

Es ist nun einmal Tatsache, meine Gesundheit will nicht so, wie ich es will. Und auch die Ausgaben für einen Besuch von Konzerten in den „unverbrauchten“ Bundesländern schlagen tiefe Kerben ins Budget. So muss ich sehr wohl auswählen, was ich mir da „antue“! Deshalb schaue ich regelmäßig, was so alles angeboten wird, schon um mich zu ärgern, dass ich nicht dabei sein kann.

Nun hatte mein Bub Ferien und die zweite Woche dieser Zeit verbrachte er bei mir. Weil ich meinte, er freut sich zwar darüber, dass er stundenlang vor seinem PC sitzen kann, das aber wohl doch nicht alles ist, scheute ich ein wenig genauer und stieß auf ein Konzert in der „Heiligen Mühle“ Erfurt mit Jürgen Kerth. Ich habe hin und her überlegt, aber dann war es soweit, Telefon her, die „Heilige Mühle“ anrufen und nach einer Unterkunft in der Umgebung fragen und in diesem Zusammenhang gleich 2 Plätze reservieren lassen. Dann versuchen eine Übernachtung zu bekommen, das war diesmal gar nicht so einfach. Aber irgendwann entschied ich mich für eine „Billig-Absteige“ und siehe, sie lag der Mühle am nächsten und ein Zimmer hatten sie noch. Und da war es beschlossen, es geht am 13.06.2009 nach Erfurt.

Erfurt, nun das liegt ja so weit nicht von Aschaffenburg entfernt, 3 Stunden Zugfahrt. –lächel- Es reichte also Mittags das Notwendige einzupacken und auf den Bahnhof zu laufen. Ohne Hindernisse waren wir dann auch fast pünktlich gegen 15.45 Uhr in Erfurt, schauten uns um wegen etwas zu Essen, aber mir rannten da zu viele Leute der Kreuz und der Quer, so nahmen wir uns ein Taxi und fuhren zum Quartier. Na ja ..., wir haben die Tasche abgestellt, die kaputte Klobrille begutachtet und sind dann gleich los.

Auf der Suche nach etwas Essbarem fanden wir zuerst die „Heilige Mühle“, dann einen viel versprechenden Thai, natürlich 14.00 – 17.00 Uhr geschlossen, in der Gegenrichtung 2 Italiener, Stehimbiss, aber als ich schon aufgeben wollte eine Broilergaststätte. Und ich muss sagen, das Frikassee mit Reis war echt gut, und das Köstritzer muss ich nicht extra loben. So körperlich und geistig gestärkt liefen wir zurück zur Mühle ...

Wir waren natürlich viel zu zeitig da, ich hatte aus jahrelanger Erfahrung berechnet, gegen 18.00 Uhr werden die Leute wohl da erscheinen. Und so warteten wir geduldig eine gute halbe Stunde. Tatsächlich, gegen 18.00 Uhr erschien ein Auto und Martin stellte fest, da ist ein Schlagzeug drinnen. Es wurde geklingelt und ein älterer Herr erschien um aufzutun. Ich bat ihn, lass uns mit rein, ich kann nicht mehr stehen, und so wurde auch uns aufgetan.

Die „Heilige Mühle“, der Name geht auf den Besitzer seit dem Jahr 1510 Caspar Heilings zurück, ist ein liebevoll restaurierter 4 Seiten Hof mit der wohl einzigen bekannten Graupenmühle, die seit 1839 besteht. Der Innenhof, wie geschaffen für Konzerte (Bild 1). Aber wir waren ja nicht wegen der Mühle da, also sprach ich mit dem Schlagzeuger, nein, nicht der mir bekannte und hoch verehrte Tony Natale, es war Marco Thierbach. Auf der Bühne stand da bereits ein Fenderpiano, an dem sich immer wieder einmal ein weißhaariger Herr zu schaffen machte, es dauerte eine Weile bis ich mitbekam, es war der „Mühlenbesitzer“ und Veranstalter des Abends Karli Naue. Und als dann noch Jürgen Feuerbach seinen neuen Bassverstärker auf die Bühne schleppe war mir klar, das dieser Abend uns eine Besetzung bescheren würde, die so mit Jürgen noch nicht auf der Bühne stand.

Ach ja Jürgen, er kam nun auch, den unvermeidlichen kalten Zigarrenstumpen im Mund, und es gab eine herzliche, wenn auch kurze, Begrüßung, denn nun wurde aufgebaut (Bild 2). Übrigens, was da wie ein Möbeltransport aussieht .... (Bild 3) Der 5-te da im Bunde mit Handschuhen ist übrigens Peter, seit ich ihn in der Mühle mit den Kabeln werkeln sah bin ich der Meinung, der Begriff Roadie ist irreführend, es müsste wohl eher Rowdy heißen ...

Nun hatten auch zwei junge Leute eine Kasse angeschleppt, ich erhob mich also von der Bierbank und löhnte, 10 € pro Person, und es trafen auch die ersten Besucher ein. Die Herren Künstler saßen nun vertieft in letzte Absprachen über den bevorstehenden Abend beim Bier (Bild 4), die Servierdamen standen hab acht, eigentlich konnte es bald losgehen. Martin und ich entschieden daher, wir suchen mal unsere Plätze. Und richtig, auf einem zentralen Tisch mit Stühlen lag ein Bierdeckel auf dem stand „2 Personen (Wodka)“. Also da niedergelassen, aber wie es ist, ich stellte fest, alle 8 Akkus für die Knippsmaschine waren leer. Also scheuchte ich Martin noch einmal los in den nahen LIDL ein paar Batterien zu holen. Aber auch das wurde gerichtet und langsam wurde es voll im Mühlenhof ... (Bild 5) Und auch Barbara, Jürgens guter Engel, und Enkel Jonathan erschienen.

20.20 Uhr ging Karli den CD-Spieler ausschalten und die Leute versammelten sich auf der Bühne. Und dann ging ein Feuerwerk ab! (Bild 6) Am Anfang klemmte da noch etwas, der Strom floss wohl durch die falschen Kabel, also Peter musste ran (Bild 7), aber der Funke sprang trotzdem schon über auf das Publikum. Wenn man bedenkt, dass die in der Besetzung noch nie gespielt haben, unglaublich .... Also man nehme eine gute Rhythmusgruppe, setze den Veranstalter an ein Fenderpiano, aber das hatten wir ja schon ...

Also schauen wir noch einmal auf diese Besetzung. Hier eine Besetzungsliste, geschrieben von Barbara, Jürgens Frau, und mit Instrumenten versehen von Jonathan, Jürgens Enkel. (Bild 8) Am Schlagzeug saß Marco Thiermann. (Bild 9) Den Bass zupfte Jürgen Feuerbach. (Bild 10) Und der Karli Naue saß am Fenderpiano. (Bild 11) Na und in Front Jürgen Kerth. (Bild 12)

Nach einer Stunde Feuerwerk, bunt gemischte Titel, nicht Setliste, wie das andere machen, aus dem Bauch heraus, kam dann die erste Pause, wie immer angekündigt mit den Worten: „Wir machen eine kleine Pause für ein Bier und ne Wurst.“. Zeit hier die Gastronomie des Abends loben zu erwähnen. Ein äußerst reichhaltiges Angebot an verschiedenen Speisen, von der Fettbemme bis zum Brätel, gutes Bier, und das alles zu erschwinglichen Preisen! Klasse kann man da nur sagen. Und es wurde gut angenommen von den Leuten. Ich wollte beim Bezahlen gar nicht glauben, dass 2 Mann, also Martin und ich, für unter 20 Euronen den Abend gut gegessen und getrunken hatten ...

Nach ein paar lockeren Gesprächen ging es dann weiter, der zweite Teil genau so begeisternd wie der erste. Ich machte mich mal auf den Weg Karli ein bisschen zu beobachten, das war nun wirklich sehr interessant. Da setzt sich einer an ein Fenderpiano und spielt einfach drauflos, und macht das Bestens. Also Karli hatte da eine Partitur liegen, spielte also manches vom Blatt, anderes hörte er sich kurz rein und setzte dann zum Spielen an. Einfach ganz große Kunst! (Bild 13 und 14) Nach einer knappen weiteren Stunde bester Musik kam die zweite Pause. Also wieder Zeit ein wenig zu plaudern, nun aber auch mit Besuchern. Und da ging dann schon einmal der eine oder andere Handzettel zur Aktion „Eine Henne für Reinhard Fißler“ über den Tisch. Na hoffen wir, es hat geholfen und ein paar Leute geben ihre Stimme. Und eine Überraschung der, na sagen wir, ganz anderen Art. Ich saß vor Beginn der Sache ja mit den Herren Musikern am Tisch, vertieft in „Fachgespräche“. Da kündigte uns Jürgen an, da kommt ... mit Ihren Jungen und die haben ihre Freundinnen bei, und der Nachbartisch war auf einen Schlag mit 7 Personen besetzt. Nun in dieser Pause sagte ... zu mir: „Dich habe ich gleich erkannt, Du bist der, der in Plauen den Pfeffi aus Colagläsern getrunken hat.“ So kommt man ganz unverschuldet in ein schlechtes Licht! –lächel- Aber sie betonte dann, in Erinnerung bist du mir, weil du so fasziniert auf Jürgens Finger beim Gitarrenspiel geschaut hast. (Und ich dachte schon, ich hätte mit meiner Schönheit geglänzt!) Natürlich war, wie immer Gelegenheit, ein paar Worte mit Jürgen zu wechseln, hier in Erfurt besonders, war es doch fast eine „Familienfete“. Und so konnte ich endlich einmal 2 Fragen an den Mann bringen. Die erste war, da nun Bush weg ist und Obama da, wie sieht es mit den USA aus? Jürgens Antwort verblüffte mich ein wenig, er sprach davon, dass die Welt sich von den Schäden, angerichtet durch die selbstherrliche Politik der USA, lange noch nicht erholt hat, er redete darüber, dass man ja nun ein Visum 3 Monate vorher beantragen, sich durchleuchten bis in Innere lassen muss und zum guten Schluss noch festgestellt wird, was man in den letzten Jahren so aus der Bibliothek geholt hat. Also ich denke, Kerth bleibt nun seinem Thüringen treu ... Die zweite Frage, nun im Herbst spielt in Frankfurt Main ja B.B. King und ich wollte wissen, ob es vielleicht doch noch zu dem gemeinsamen Spiel kommen könnte und Jürgen nach Frankfurt kommt. Hinter einem verschmitzten Lächeln versteckt meinte Jürgen, na ja, vielleicht können wir es doch noch zu Ende bringen, diesmal würde ich schon begreifen, dass ich da mit ihm spielen soll. Aber über allem thront ja das Imperium Management .... Man wird sehen, ich wünsche ihm diesen Höhepunkt in seinem Künstlerleben von Herzen.

Dann der dritte Teil, eigentlich immer das Ende vor den Zugaben. Weiterhin ein Feuerwerk von Tönen, ein paar Bilder sollen noch einen Eindruck gewähren. (Bild 15 bis 20) Ich wartete eigentlich darauf, dass Jonathan einmal den Platz am Schlagzeug einnimmt, aber wie ich dann erfuhr, er war vollkommen fertig, den ganzen Tag Wasserski gelaufen.) Und Jürgen spielte dann „Oma hilf“ und sagte anschließend, das war heute für unseren Jonathan, er ist ja nun wieder Erfurter. (Ja, manchmal kann man in die Zukunft sehen! Der Grund dieser Worte ist hier bekannt, aber wohl zu privat, um darüber zu schreiben.) Und dann das Unerwartete, Jürgen sagte die 3. Pause an! Eine 3. Pause nach 23.00 Uhr, selbst für ein Kerthkonzert doch ungewöhnlich, immerhin hatten sie fast 3 Stunden besten Bluesrock schon abgeliefert.

Mittlerweile war es doch empfindlich kühl geworden! Ich war wohl der letzte, der da noch kurzärmlig saß, so zog ich nun auch die Kutte drüber. Erste Besucher verzogen sich in Richtung ihrer warmen Hütten, ich ging nach vorn. Was ist los? Ach, Barbara ging es nicht gut, Jürgen hatte sie und den Enkelsohn nach Hause gefahren! Also war Zeit nun auch ein paar Worte mehr mit den mir bis zu diesem Tag unbekannten Marco Thiermann und Jürgen Feuerbach zu wechseln und natürlich mit „Strippenrowdy“ Peter herum zu frozzeln. Aber noch bevor man richtig in die Tiefe gehen konnte stand Jürgen wieder unter uns und trieb die seinen in Richtung Bühne. Mensch, der Mann hatte einfach Bock zu spielen, man bedenke, knapp die Hälfte der Zuhörer waren aufgrund der Kühle schon aufgebrochen.

Ja Jürgen hatte einfach Lust am Spielen und so spielte er bis nach Mitternacht. Nun fanden sich auch Tänzer vor der Bühne ein, wenn auch für mich unverständlich wie man nach der „Jungen Mutti“ tanzen kann, gut der Rhythmus reist einen mit, aber der Inhalt ist zu ernst für mich zum „wackeln“. Aber irgendwann war es dann doch zu Ende, nein um die Zugaben kamen die Mannen da oben nicht herum, und sie dehnten das Warten darauf auch nicht aus. Aber „Die, mit der ich lebe“ war dann doch der letzte Titel, ausdrücklich gewidmet seiner Frau Barbara, die da sicher schon im Bett lag.

Im Gegensatz zu sonst, Martin und ich hielten uns nicht mehr lange auf. Ein persönlicher Dank an jeden Mitwirkenden des Abends, nun auch noch ein kurzes Gespräch mit Karli Naue, der mich an diesem Abend mehrfach absolut fasziniert hat, eine letzte Bemerkung an Peter und wir winkten schon im gehen allen noch einmal zu. Auf dem Weg zum Quartier war noch ein paar Minuten Zeit über diesen Abend nachzudenken. Wahrscheinlich war ich zu tief beeindruckt, denn als wir dann gegen 1.00 Uhr in unsere Betten krochen konnte ich lange nicht einschlafen, die Bilder des Abends liefen immer wieder vor meinen Augen ab und ich zog ein erstes Fazit..

Früh dann auf, etwas frühstücken, der übliche Klobesuch, löhnen und auf das Taxi warten. Und das kam, etwas geht immer schief, so spät, dass eigentlich der Zug schon weg war. Aber der Fahrer drückte auf die Tube, eine Minute vor Abfahrt waren wir auf dem Bahnsteig und die Bahn war mal wieder kundenfreundlich und sagte 20 Minuten Verspätung des Zuges an. (Haben die geahnt, dass es bei uns so eng wird?) Der Zug war voll, also setzten wir uns gleich in den Einstieg des ICE und ließen uns nach Frankfurt fahren. Genügend Zeit sich den Abend noch einmal, zum wievielten denn nun schon, durch den Kopf gehen zu lassen. Und in Frankfurt konnten wir nach dem Aussteigen auf einem Nachbarbahnsteig sehen, wie die Türen unseres Anschlusszuges sich schlossen und dem ICE hinterher winken ...

Wir sind trotzdem gut in Aschaffenburg angekommen und dann auf dem Heimweg noch einmal eingekehrt um diese Reise mit einem gemütlichen Mahl zu beenden. Und ich arbeitete im Kopf weiter an einem Fazit ....

Fazit: Also, man nehme eine gute Rhythmusgruppe, also einen Trommler, der es versteht draufzuhauen, und einen Bassisten, der sein Instrument beherrscht, setze den Veranstalter an ein Fenderpiano und stelle davor Jürgen Kerth, und man erlebt ein Konzert, das sich tief ins Herz und ins Gehirn eingräbt, das zu einem der schönsten des Leben wird’s.

Viel mehr bleibt nicht zu sagen als, geht doch auch einmal zu Jürgen Kerth.


Immer noch beeindruckt

Hans,
den sie Wodka nennen

Angefügte Bilder:
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zuletzt bearbeitet 15.06.2009 22:13 | nach oben springen

#2

RE: Also, man nehme ....

in Konzertberichte Ostrock allgemein 16.06.2009 19:43
von HH aus EE (gelöscht)
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DANKE Hans, mein "Wodka", das ist wieder sehr bildhaft geschrieben, so als wäre man selbst dabei gewesen. So ein Heimspiel ist sicher etwas ganz besonderes und dies sind dann auch die Momente, die bleiben. Nur schade, daß wir so etwas noch nicht gemeinsam hinbekommen haben, aber ich bin mir sicher, wir werden es schaffen!

Jedenfalls sind mir Deine Worte Anregung, mal wieder nach einem Termin mit "Der Einen" Ausschau zu halten, um dem Blues des Lebens eine Melodie zu geben. Bis dahin muß dann das alte Vinyl die Pausen füllen . Wir sehen uns!

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#3

RE: Also, man nehme ....

in Konzertberichte Ostrock allgemein 16.06.2009 21:44
von Kundi (gelöscht)
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DANKE, lieber Wodka.
Das war sicher ein denkwürdiger Abend.Eigentlich ist ja jedes Konzert von Jürgen einzigartig, aber Heimspiele sind immer etwas mit besonderem Pfiff.Nun ja, bekanntlich kann man aus verschiedenen Gründen nicht überall dabei sein, aber auch der Tag wird wieder kommen, wo wir gemeinsam dem Meister und "Der Einen" mit den 6 Saiten lauschen.

LG Kundi

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