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GESCHICHTEN AUS VINYL - Teil 4: DAVID, mein Schottischer Freund

in Off-Topic 25.08.2009 19:33
von HH aus EE (gelöscht)
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Geschichten aus Vinyl – Teil 4: DAVID, mein Schottischer Freund


In meiner Jugend war es schwierig an Fotos oder Artikel meiner englischen Lieblingsbands zu kommen, von Schallplatten mal ganz abgesehen. Entweder hatte jemand mal eine BRAVO oder im Idealfall den MUSICAL EXPRESS in deutsch oder es kursierten Fotokopien und einzelne Seiten. Ich bekam mal eine Ausgabe des englischen MELODY MAKER in die Hand und den konnte ich in Ruhe zu Hause lesen. Neben vielen interessanten Artikeln gab es auch eine Seite, wo Leser sich zu ihren neuen Platten oder zu Konzerten äußerten. Unter jedem dieser kurzen Beiträge standen die vollständigen Adressen der jeweiligen Schreiber. Datenschutz – Fehlanzeige!
Wir schrieben das Jahr 1971 und Kommunikation lief telefonisch oder in Briefform. Auslandstelefonate mußten Stunden vorher angemeldet werden.

Was also lag näher, als einige dieser Adressen anzuschreiben und zu fragen, ob denn ein Briefwechsel oder gar mehr denkbar wäre - einer hat mir geantwortet.

Der erste Brief von DAVID an mich trägt das Datum vom 10. August 1971, exakt heute vor 38 Jahren, da ich beginne, diese Zeilen aufzuschreiben. In zwei Jahren werde ich also auch, gemeinsam mit DAVID, ein 40jähriges Jubiläum haben.

DAVID ist Schotte, Jahrgang 1951 und auf den ORKNEY INSELN in der Hafenstadt KIRKWALL im Norden der Hauptinsel zu Hause. Der nächste bewohnte Ort Richtung Norden sind erst die Shetland Inseln.
In diesem Jahr 1971 begann unsere Brieffreundschaft, wobei das Wort den tatsächlichen Inhalt nicht annähernd beschreibt. Unsere Freundschaft hält inzwischen länger als eine durchschnittliche Ehe in Deutschland!
DAVID hat 7 Geschwister. Sein Bruder TOMMY hat mir später mit Schreibmaschine und Fotos aus allen möglichen Zeitungen ein Buch über „Die Geschichte der Who“ geschrieben, eine meiner absoluten Lieblingsbands bis heute.
Seine Schwester ELISABETH kam manchmal auf die Idee, mir eine Freude zu machen. So habe ich SALLY OLDFIELD und das Duo SALLYANGIE (Sally & Mike Oldfield) kennen gelernt.

Doch zunächst haben DAVID und ich „nur“ brieflich Informationen ausgetauscht und er schickte mir Artikel und Fotos aus Musikzeitschriften, die er gekonnt so faltete, daß sie im Umschlag das Gefühl eines normal dicken Briefes erweckten. Er schrieb mir über seine Plattensammlung und welche Stücke er sich gerade neu zugelegt hatte. Es tauchten Namen auf wie Moody Blues, Elton John, Deep Purple, Cochise und Family.

Im November ’71 kamen die ersten Fotos von der Familie und Ansichtskarten von den ORKNEY ISLES. Durch seine Briefe lernte ich viel über das Leben auf den Schottischen Inseln, über die Menschen dort, über deren Kultur und Geschichte. Ich lernte, über meine Grenzen, die geistigen wie territorialen, hinaus zu denken und mich selbst nicht mehr gar so wichtig zu nehmen. DAVID war oft arbeitslos und es fiel mir schwer, mich in solche Situationen hineinzudenken – welch’ Ironie der Geschichte!

Nach und nach wurde ich mutiger und begann, ihm Platten aus der DDR, aus Polen, der CSSR und aus Ungarn zu senden: Schikora, Anawa, Niemen, Omega, Collegium Musicum. So ging das eine ganze Zeit. Ich bekam Musikinformationen aus erster Hand, Artikel und Fotos, und ich schickte zu DAVID Platten, die ich mir hier auch kaufte. Ich war glücklich und meine kleine DDR-Welt war beinahe in Ordnung.

Am 30 Januar 1974 kam ein Brief an, der war größer und schwerer. Darin fand ich die erste Platte, die mir DAVID schickte: MEDICINE HEAD’s „ Rising Sun“, eine Single. Mein Schottischer Freund hatte einen „Testballon“ gestartet, ohne mich vorzuwarnen. Damit war der Startschuß für weitere Platten gegeben. Die allererste LP von ihm war DEEP PURPLE’s „ Who Do We Think We Are“ und die kam am 20. März 1974. Von da an ging es über viele Jahre quasi Schlag auf Schlag, Paket für Paket, zu Ostern, zum Geburtstag, zu Weihnachten, im Sommer oder Winter oder einfach nur so und zwischendurch. Gruß an alle, die Westverwandtschaft hatten und oft leer ausgingen, sogar zu Weihnachten.

Die Frage, welche Platte ich denn von ihm als nächste haben möchte, war immer sehr schwer zu beantworten, weil mir, trotz vielfältiger Bemühungen, die nötigen Informationen fehlten. Eines Tages kam wieder so ein Briefumschlag, der sich sehr dick anfühlte. Ein paar Tage später ein weiterer. Auf diese Weise erhielt ich die damals aktuellen Plattenkataloge von CHARISMA bzw. von ISLAND/CHRYSALIS. Die Kenner wissen, was gemeint ist. Diese Lable standen in jenen Jahren quasi synonym für fortschrittlich, innovativ und risikofreundlich und die Künstler dahinter lesen sich wie das „Who is who“ der Rock-Szene. Von da an war ich sicher einer der glücklichsten Amateur-Plattensammler der Republik.

Warum und woher ich das alles noch so genau weiß?
Ich habe alles, also wirklich alles, aufgehoben und in die damals üblichen Klemmordner einsortiert, jedes Schnipselchen und jeden Luftpostaufkleber und stets dazu geschrieben, wann das war. Inzwischen stehen hier 10 prall gefüllte Ordner mit unserem vollständigen Briefwechsel sowie allen dazu gehörigen Notizen. Nichts fehlt!

Als wir 1971 damit begannen, uns gegenseitig mit Informationen und Musik einzudecken, konnten wir beide nicht ahnen, daß wir damit über die Jahrtausendwende kommen würden. In all diesen Jahren haben, von den vielen Briefen mal abgesehen, ungefähr 1000 Platten in beide Richtungen die Seiten gewechselt und oft kamen LP’s hier an, die für mich völliges Neuland waren. Nach und nach, über viele Jahre habe ich Platten bekommen, die damals keiner kannte, etwas, das sich heute kaum noch jemand vorstellen kann.

Eine der eigenwilligsten Platten, was die Gestaltung betrifft, ist die zweite Scheibe der Londoner Band CURVED AIR um den Keyboarder FRANCIS MONKMAN und den fantastischen Rock-Geiger DERRYL WAY. Die Musik ist fantasievoll und voller klassischer Bezüge, vor allem der Besetzung mit einem Geiger geschuldet. Ihr „SECOND ALBUM“ ist mehrfach in unterschiedlichen Farbsegmenten gefaltet und macht einen nicht alltäglichen und seltenen optischen Eindruck. Die Musik ist jenseits der damals üblichen Strukturen und eine Klasse für sich.

Dies trifft sowohl in musikalischer als auch in gestalterischer Hinsicht für die 6. LP der STRAWBS aus England zu, eine Band bei der auch schon SANDY DENNY und RICK WAKEMAN mitgewirkt hatten. Mit „GRAVE NEW WORLD“ von 1972 haben sie ein opulentes Meisterwerk abgeliefert, das inhaltlich das Leben zwischen Geburt und Tod beschreibt und außerdem als Vorlage für einen Fernsehfilm der BBC diente.

Das besondere an ELO’s „OUT OF THE BLUE“ (1977) ist nicht so sehr die musikalische Komponente, sondern die Innen- und Außengestaltung des klappbaren Doppelcovers als futuristische Raumstation. Als Beilage hatte das Doppelvinyl einen Bastelbogen, mit dem man sich die Raumstation nachbauen konnte. Allerdings habe ich das Teil unberührt gelassen.

Eine Ausnahmeerscheinung ist auch die Band des Colosseum-Keyboarder’s DAVE GREENSLADE. Musikalisch suchte der Komponist der „Valentyne Suite“ für sich selbst andere Wege neben und nach Colosseum. Er fand sie in der eigenen Band, die seinen Namen, GREENSLADE, trug. Für die Gestaltung der Plattencover machte er sich die damalige Nummer Eins der Cover-Designer, ROGER DEAN, zum Verbündeten, der auch die Gestaltung von Platten für Yes, Badger, Gentle Giant, Rick Wakeman oder Uriah Heep in seinen Händen hatte. Das Äußere der GREENSLADE-LP’s ist eine Augenweite und reiht sich in diese Namensliste würdig ein.

Eine der Platten, die ich mir bei DAVID „bestellt“ hatte, war die Mini-Märchen-Oper der SMALL FACES „Odgens Not Gone Flake“. Ich bin seit den frühen 60ern einer, den man Fan der SMALL FACES und der WHO nennen kann, jemand, der die ursprüngliche Musik von Steve Marriott & Co. wirklich liebt. Diese Scheibe der Band, gestaltet als runde Tabak-Dose, war daher ein Muß für mich. Natürlich der Musik wegen, aber auch die eigenwilligen Gestaltung war durchaus ein Reiz, die Platte in der eigenen Sammlung haben zu wollen.
Im Frühjahr dieses Jahres 2009 hatte ich das seltene Glück, den Keyboarder IAN McLAGGAN bei einem Konzert von James McMurtry (USA) in Lauchhammer zu treffen. Dort hat er die Plattenhülle für mich signiert.

Irgendwann kommt wohl jeder Plattensammler mal auf die WHO und dann kann er an „LIVE AT LEEDS“ nicht vorbei. Die Platte dokumentiert den brachialen Sound der Band, den ein Kritiker mal die „Quintessenz der Rockmusik“ nannte. Wie wahr. Diese Live-LP ist auch optisch eine Besonderheit, denn im Cover, das den Eindruck eines BOOTLEGS (Raubpressung) erwecken will, verbergen sich die Kopien von Details, die ein Fan normalerweise nicht zu Gesicht bekommt: Set-List, Verträge, Fotos, Texte und Lieferscheine. Ein richtiges Kleinod und ein wahres Zeitdokument.

Entstanden ist das alles einst aus dem Drang heraus, zu Fotos und Schallplatten zu gelangen, die es im Einzelhandel der DDR nicht gab. Nach vier Jahrzehnten ist es noch immer schön, aus Schottland Post zu bekommen, immer noch musikalische (Neu)Entdeckungen zu machen und seltene, längst vergessen geglaubte Kleinode der Musikgeschichte genießen zu können. Erst letztlich habe ich mir Teile des folk-musikalischen Werkes der WATERSONS, einer Folk-Dynastie Englands, schicken lassen.

Das Wertvolle aber ist nicht so sehr die Musik, sondern die Erfahrung, über Grenzen und Mauern hinweg Menschen getroffen zu haben, denen eine tiefe menschliche Beziehung zu anderen und gelebte Freundschaft viel näher sind, als Politik, gleich welcher Couleur, sich je vorzustellen vermag.
Nichts ist schöner, als eine aufrichtig entgegen gestreckte Hand, ein offenes und ehrliches Wort sowie selbstloses Einbringen und das alles über politisch aufgestellte Hindernisse, gleich auf welcher Seite sie gestanden haben, hinweg. Selbst mit der „Wende“ hat sich nichts geändert, denn die Schwierigkeiten und Unwägbarkeiten sind nur andere, die es zu überwinden gilt. Inzwischen haben wir beide genug Übung, als daß uns noch irgendwelche politischen Dummheiten und „notwendige“ Regulierungen erschüttern könnten. Regierungen kommen und gehen im Wahlperioden-Takt. Freundschaften halten, bis zu jenem fernen Tag, da erst der Tod dem Einen den Anderen nehmen wird. Bis dahin aber bleibt Musik, insbesondere Rockmusik, unser beider Lebensinhalt.


Angefügte Bilder:
David Brief_459_800.jpg
David Family_638_800.jpg
David Fotos_482_800.jpg
Medicine Head_569_800.jpg
Charisma_648_800.jpg
Island_800_665.jpg
Curved Air_600_800.jpg
Strawbs_600_800.jpg
ELO outside_800_600.jpg
ELO inside_800_600.jpg
Greenslade_800_600.jpg
Small Faces outside_800_600.jpg
Small faces inside_800_600.jpg
Who_600_800.jpg
Watersons_800_611.jpg
Wedding Tommy_800_558.jpg
zuletzt bearbeitet 25.08.2009 19:50 | nach oben springen

#2

RE: GESCHICHTEN AUS VINYL - Teil 4: DAVID, mein Schottischer Freund

in Off-Topic 27.08.2009 20:45
von PM | 4.235 Beiträge | 5060 Punkte

Da war ich schon bissel neugierig drauf, wie Hartmut und der Schotte zusammen gekommen sind. Spannend erzählt! Und da sieht man wieder mal, es ist ein Gerücht, dass Schotten geizig sind.
Wir hatten damals wirklich abenteuerliche Ideen um an Brieffreunde im NSW zu kommen. Ich hatte eine Freundin in Canada. Mit einem ganz simplen Trick, den damals viele Freunde nachgemacht haben, bin ich zu der Briefpartnerschaft gekommen. Ich hab mir aus dem Atlas einen Ort ganz weit oben in Canada rausgesucht (Uranium City) und auf den Umschlag geschrieben. An die Schule in der Stadt.....und dass ich eine Brieffreundin suche.
Das ist angekommen und etliche Jahre hab ich mich mit meiner Namensschwester Petra aus Canada geschrieben.


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