#1

Labskaus und weiße Segel - meine TÖRNS auf der OSTSEE

in Off-Topic 02.09.2009 19:00
von HH aus EE (gelöscht)
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Labskaus und weiße Segel – meine Törns auf der Ostsee


Als Schüler und Jugendlicher habe ich große Teile meiner Sommerferien, so wie es damals üblich und schön war, in Ferienlagern verbracht. Meist in Heringsdorf auf Usedom, aber auch in Born auf dem Darß, in Kühlungsborn und in Rerik. Alle Orte hatten, neben vielen anderen angenehmen Dingen, gemeinsam, daß man bei schönem Wetter weit draußen am Horizont weiße Segel blitzen sah. Man ahnte, irgendwo dort liegen Dänemark, Schweden und andere Länder, die man wahrscheinlich nie sehen würde. Das hatte einen faden Beigeschmack.

Jahre später sagte mein Kumpel Hannes mal: „In jeder Landratte steckt ein Seemann.“ Hannes ist der mit der Amiga-LP von den SWINGLE SINGERS. So nebenbei hat er dann noch gefragt: „ Hast’e Lust, das auszuprobieren?“

Ziemlich mutig hab’ ich laut zugesagt, es war sein 50. Geburtstag, und dann hab’ ich den Rest des Sommers von Hannes nichts mehr gehört. Im Spätherbst kam dann ein Anruf aus HH (so wie Hamburg) und die bekannte Stimmte sagt mir, daß es im nächsten Jahr in der Himmelfahrtswoche für mich ernst werden würde.
Von da an bin ich ein paar Jahre lang immer in der Woche mit dem Himmelfahrtstag mit einigen Männern auf einem 12-Meter-Kahn über die Wellen der Ostsee zwischen den Dänischen Südsee-Inseln rumgeschippert, während andere zu Hause mit dem Fahrrad durch die Natur zogen und den Kneipern das Bier weggesoffen haben.
Einmal ging es sogar im Norden Dänemarks von Aalborg aus durch den Langerak bis nach Hals, einem ganz kleinen Hafen an der Alborg Bugt und dann über den Skagerrak bis zur Insel Laesö. Von da aus weiter Richtung Schweden in die Schären bis nach Marstrand und auch wieder diese Strecke zurück. Das ganze hat eine Woche gedauert.

Marstrand liegt auf einer großen Schären-Insel und wenn man den Hügel darauf mit der Festungsanlage erklettert hatte, bot sich ein imposanter Rundblick über die Stadt, den Hafen und die See. Ich hab’ dort oben gestanden und in die Unendlichkeit der Ostsee gestaunt.
Die Übernachtung erfolgte immer an Bord in einer der kleinen und engen Kojen. Auf den meisten Seglern ist Platz für 10 Leute und wenn man einigermaßen miteinander auskommt, macht das richtig Spaß. Jedenfalls hab’ ich das so empfunden.

Es ist ein nicht zu beschreibendes Gefühl, wenn der Kahn mit Motorkraft endlich aus dem kleinen Hafen raus ist und die „Lappen“ hochzogen werden. Bei günstigem Wind wird noch die „Genua“ (Segel am Bug) dazu gesetzt. Dann legt sich das schnittige Etwas auf die Seite, der Wind bläst in das Leinen und du kannst über deine Füße direkt in Gischt sehen, die bei der Fahrt außenbords entsteht. Karussell fahren oder in der Achterbahn sitzen ist eine glatte Lachnummer gegen dieses Gefühl des Gleitens mit dem Wind, denn das ist nicht schon nach 3 Minuten vorüber, sondern dauert den ganzen Tag, wenn das Wetter günstig ist. Bei ungünstigen Wetter natürlich auch, nur das Gefühl ist etwas eindringlicher und je nach Situation auch nasser, aber einmalig.

Noch schöner ist es allerdings, bei leichtem Wind und prallen Sonnenschein einfach nur so dahin zu segeln. Außer dem Wasser und dem Wind hörst Du nichts und über dir weitet sich ein strahlend blauer Himmel von Horizont zu Horizont. Kein Telefon klingelt und die kleine Segelwelt ist in Ordnung. Abschalten von all dem Ballast, den kein Mensch wirklich zum Leben braucht. In solchen Momenten hatte ich Termindruck, nervige Anfragen und Post vom Finanzamt meist schnell vergessen.

Um beim den jährlichen Himmelfahrtstag-Törns nicht leichtsinnig zu werden, gab es ein unausgesprochenes „Gesetz“, welches besagte, daß vor 17.°° Uhr kein Alkohol getrunken werden dürfe. Es ist allerdings vorgekommen, daß es schon mittags für kurze Zeit 17.°° Uhr war, weil die Uhren auf See und im Urlaub völlig anders ticken und Männer auch.

Natürlich durfte auch ich als eingefleischte Landratte mal der Skipper sein. Es war ein sehr sonniger Tag und wir fuhren mittags von Fehmarn in Richtung Langeland, Dänemark. Das ist eine Tagesfahrt, wenn es die Winde gut meinen. Nach dem Mittagessen übergab mir Hannes das Ruder(rad) und die Männer legten sich in ihre Lieblingswinkel zur Ruhe. Es wehte ein angenehmer frischer Seewind in mein Gesicht und deshalb bemerkte ich auch nicht, wie gut es die Sonne da oben mit mir meinte. Erst als sich zwei Stunden später die Kumpels beim Lachen kaum noch halten konnten und einer mir einen Spiegel vor die Nase hielt, merkte ich, was geschehen war. Seitdem achtete ich beim Segeln nicht nur auf die Bojen, sondern auch auf den Stand der Sonne.

Wenn man abends in einen der kleinen Inselhäfen einfährt, kommt der Hafenmeister. Der ist manchmal Post-, Konsum- und Kneipenchef in Personalunion und kommt, um die Hafengebühr zu kassieren. Die ist eine Art Maut, deren Höhe sich nach der Länge und Breite sowie der Stärke der Besatzung der Segler richtet. Hannes sagte dann immer, der Kahn wäre 4 Meter lang aber 12 Meter breit, an Bord wären er als Skipper und 9 ungebildete Landratten. Gebühr mußten wir dennoch zahlen und der Hafenmeister befestigte an der Reling seine kleinen Papierschleifchen, die in jedem Hafen anders aussehen. Ein paar hab’ ich als Souvenirs mitgenommen.

Unser Skipper, meist war es Hannes, hat selten einen der großen Häfen angesteuert, sondern immer kleine und beschauliche Inseln mit kleinen Jachthäfen ausgesucht. Das hatte den Vorteil, daß man stets fernab der städtischen Hektik blieb und die Ruhe der See und der kleinen Fischerdörfer auch Abends genießen konnte. Es hat einen Hauch von Romantik, spätabends oder gar unter der Mitternachtssonne draußen zu sitzen und mit einem Schluck „guten Landweines aus gutem Korn“ das Plätschern des Wassers zu hören und den Sternenhimmel wirken zu lassen.

Auch wenn’s keiner glauben wird, ich war nie seekrank, obwohl ich ziemlichen Respekt vor der Möglichkeit hatte. Aber dank Fritz, ein gebürtiger und waschechter Hamburger Jung, hatten wir immer einen gut gefüllten Magen. Traditionell bestand das erste Essen an Bord aus Labskaus, vom dem ich bisher immer nur gehört hatte und meist nichts Gutes! Inzwischen weiß ich, wie man das Gericht mit der begrenzten Ausstattung einer Kombüse so anrichtet, daß es sogar noch herzhaft schmeckt. Traditionell gehört zum Abschluß eines solchen Segeltages ein gutes Bier, ein wohliges Getränk aus Korn oder wahlweise auch aus heimischen Kräutern.
Sicher brauche ich nicht extra betonen, daß meist bis in die Nachstunden hinein wichtige Fragen besprochen und die Route des nächsten Tages diskutiert werden mußte. Dabei lauschten wir den reichhaltigen Erfahrungen der älteren See-Hasen und den Geschichten der Hamburger Alster-Skipper, oft bis Mitternacht. Unser Lachen hat man sicher gut hören können. In aller Regel lag das an Vossi, einem Hamburger Bühnenmeister, der schon den nächsten Knaller startete, während ich noch über den davor lachen mußte.

Mit dieser tollen Truppe habe ich insgesamt 5 Törns in verschiedenen Teilen der Ostsee mitmachen dürfen und jeder Törn hatte seinen ganz eigenen Reiz. Einmal starteten wir von Großenbrode vor Fehmarn, ein anderes Mal von Ebeltoft auf Oer. Auch Aalborg im Dänischen Norden war Ausgangspunkt und ebenso der Hafen von Arhus. Das sind alles Orte, die hätte ich als Jugendlicher und gelernter DDR-Bürger bestenfalls mit dem Finger auf einer Landkarte besuchen können. Seekarten standen mir ohnehin nicht zur Verfügung.

Inzwischen weiß ich aus eigener und erlebter Erfahrung, wie schön es ist, die Freiheit zu haben, sich weit außerhalb der Hoheitsgewässer auf freier See mit einem kleinen 12-Meter-Segler bewegen zu können. Immer wenn ich Land sah, habe ich mir vorgestellt, wie am Strand jemand raus auf die See schaut und dort ein kleines weißes Segel am Horizont blitzen sieht.
Inzwischen weiß ich aber auch, daß man sich diese Freiheit auch leisten können muß, wenn man sie genießen will. In diesem Sinne einen schönen Gruß an die Jungs in Hamburg, die im kommenden Jahr 2010 von Korfu aus starten werden. Dank der Krise der Finanzmärkte, den damit verbundenen Bonus-Zahlungen an die ach so gebeutelten Bankenmanager und der ebenso heftigen Nebenwirkungen für die steuerzahlende Allgemeinheit, werde ich dann hier im heimischen EE sein und wieder so einen faden Beigeschmack spüren. Na dann, Freiheit Adieu!


Angefügte Bilder:
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zuletzt bearbeitet 02.09.2009 20:20 | nach oben springen

#2

RE: Labskaus und weiße Segel - meine TÖRNS auf der OSTSEE

in Off-Topic 02.09.2009 19:17
von Mary (gelöscht)
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Danke für diesen Bericht,
ich habe ihn verschlungen...!
Dass er dieses Ende findet, ist fast schade...

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#3

RE: Labskaus und weiße Segel - meine TÖRNS auf der OSTSEE

in Off-Topic 02.09.2009 19:53
von ConnyCity (gelöscht)
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Bin da ganz Marys Meinung. Meistens lese ich ja auch besonders bei dem "verrückten" HH 2 x. Die Bilder sprechen auch wieder für sich. Aber es ist schon so, alles im Leben muss man sich leisten können und kann es oft nicht.
lg Conny - nachdenklich

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#4

RE: Labskaus und weiße Segel - meine TÖRNS auf der OSTSEE

in Off-Topic 02.09.2009 22:10
von jolina (gelöscht)
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Schön, dass du uns an deinen Erinnerungen teilhaben lässt. Hartmut die Wirtschaft erholt sich wieder, vielleicht musst du nur ein Jahr aussetzen.

Ich bin mal auf dem Mittelmeer gesegelt bei ziemlich hartem Wind. Das hat gereicht für ein ganzes Leben.

Zitat:
Kein Telefon klingelt und die kleine Segelwelt ist in Ordnung. Abschalten von all dem Ballast, den kein Mensch wirklich zum Leben braucht.

Und genau deshalb nehm ich am 13.10. meinen Rucksack und fliege über Bangkok nach Myanmar. Reset von der digitalen Welt. Da geht kein Handy, Internet nur selten, dafür Asien in seiner Ursprünglichkeit. Es ist bestimmt 10 Jahre her, dass ich mal einen Film über die mehr als 2000 Pagoden von Bagan gesehen habe. In diesem Moment wusste ich, da muss ich irgendwann hin. Mit dem Heißluftballon über Bagan. Bisher haben mich die Reportagen über die Umstände, der Aufstand der Mönche und vor 2 Jahren die Unwetterkatastrophe davon abgehalten. Im Moment ist es ruhig und ich freu mich auf die mir selbst auferlegte Entschleunigungstherapie. Durch den Monsun. Bin mir sicher, dass es noch mehr Verrückte weltweit gibt, die man da trifft.


Angefügte Bilder:
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Myanmar1.jpg
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zuletzt bearbeitet 02.09.2009 23:10 | nach oben springen

#5

RE: Labskaus und weiße Segel - meine TÖRNS auf der OSTSEE

in Off-Topic 03.09.2009 13:24
von Leseratte | 105 Beiträge | 121 Punkte

War das eine schöne Mittagspause -mitten auf dem weiten Meer, auf einem weißen Segelboot! Danke Hartmut, du erzählst so anschaulich, so lebendig, dazu die tollen Fotos, da möchte man am liebsten länger verweilen.
Klar, man kann nicht immer alles haben, aber in Gedanken in der Vorstellung schon. Also ich hab den Mittagstörn sehr genossen, und spüre noch die salzigen Spritzer auf den Lippen. und es schmeckt alles nach Mee(h)r!!!

Jolina, auf deine Urlaubsberichte sind wir jezt schon gespannt. Viel Spass schon mal jetzt, gute Begegnungen und eindrucksvolle Erlebnisse - udn komm unbeschadet wieder. LG Kathrin

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