#1

Vor 35 Jahren - mein erstes selbst organisiertes Konzert!

in Ostrock allgemein 14.10.2009 18:07
von HH aus EE (gelöscht)
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Klein aber mein – das erste selbst organisiertes Konzert 1974


Mit den meisten Dingen im Leben beginnt man erst im Kleinen, um sich auszuprobieren: Kleine Tasse, kleines Fahrrad, kleine Wohnung. In meiner kulturellen Vergangenheit war das auch so.
Wenn ich mich richtig erinnere, war es 1974 und Herbst, angenehmes Wetter, kein Regen. Ich war im vierten Jahr im Kreiskabinett für Kulturarbeit in Bad Liebenwerda tätig, Betreuungsgebiete Dorfklubs und Volkskunstgruppen jeglicher Art. Viel Platz, um sich auszuprobieren und auch auszutoben. Ausgelastet war ich nicht und so durfte ich, dank eines Vorgesetzten, der keiner war, alles mögliche aushecken und manchmal auch in die Praxis umsetzen.

Eine solche Idee war es, nach dem Vorbild von zentralen Beat- und Rockveranstaltungen, so etwas ähnliches, nur eine Nummer kleiner, mit lokalen Gruppen auf die Beine zu stellen. Dabei half mir, dass ich einige der Jungs persönlich kannte bzw. auch zwei Kapellenleiter quasi Kollegen von mir waren, nämlich Musiklehrer der kreislichen Musikschule, die, dem Kreiskabinett ähnlich, eine „nachgeordnete Einrichtung“ beim Rat des Kreises war. Sie ließen sich alle von der Idee schnell begeistern, denn gemeinsam hatten sie noch nie auf einer Bühne gestanden.

Ich konnte den Kreislichtspieldirektor und den Leiter des Kinos „Capitol“ in der Kreisstadt ebenfalls gewinnen und nach einem ausführlichen Gespräch wusste ich auch den Leiter der Abteilung Kultur hinter mir. Der konnte das Ganze auf seine Fahne schreiben und danach auch als seinen Leitungserfolg verbuchen. Dies zur Vorgeschichte und zur notwendigen Erklärung für das Heute. Bürokratie gab es damals allerdings auch schon, Stichwort Veranstaltungsmeldung, nur für mein Empfinden lange nicht so verwuselt und ungemein wichtigtuerisch, wie es einem heute über den Weg läuft.

Es war ein Sonntag und die Bands bzw. die Musiker hatten die Muggen vom Samstag noch in den Augen. In dieser Verfassung wurde die Technik von drei Amateurgruppen über den Hintereingang auf die Bühne des „Capitol“ getragen. Dort bauten die „WOLF-LINGE-COMBO“ aus Uebigau/Falkenberg, das „CLUB-QUARTETT“ und die „PRIMANER“, beide aus Bad Liebenwerda, alles auf, was man für drei Bands brauchte. Für damalige Verhältnisse und die Tatsache, dass alle als Amateure auf der Bühne standen, sah das nicht schlecht aus.

Gegen 10.°° Uhr war das Kino zu gut einem Drittel gefüllt. Klar hatten wir mehr erwartet, aber die Akteure nahmen es gelassen und ich selbst ging mit leicht schlotternden Knien auf die Bühne, um den Rock-Vormittag, mein allererstes und selbst organisiertes Konzertevent, zu eröffnen.

An den Beginn mit der WOLF-LINGE-COMBO kann ich mich noch gut erinnern, denn ich hatte die Musiker gebeten, mir einen Zettel mit den Songs zu geben, die sie spielen wollten. Auf dem ersten Zettel stand u.a. „Imagine“ und deshalb sagte ich für den ersten Block auch diesen Song von John Lennon an. Hinter dem Vorhang bin ich dann sicher rot geworden, als stattdessen die Pop-Nummer „Imagine Me, Imagine You“ von FOX erklang, die damals in den Radios rauf und runter lief. Die Gruppe um den Bandleader und Musiklehrer Walter Wolf stand mit einer kompletten Bläsersektion auf der Bühne und spielte nach meinem „Patzer“ von Chicago deren Welthit „ 25 Or 6 To 4“ und die Beatles-Nummer „Ob-La-Di, Ob-La-Da“ in der Version der Marmalade. Damit waren das Publikum und ich wieder entschädigt.

Das CLUB-QUARTETT von Jürgen Kluge, ebenfalls Musiklehrer, spielte in klassischer Beat-Besetzung, wobei sich vieles auf die Orgel des Musiklehrers konzentrierte. In Erinnerung ist mir noch Procol Harum’s „Reepend Walpurgis“, bei dem Jürgen Kluge sein Können an den Tasten zeigen und sicher auch seine Kollegen beeindrucken konnte. Außerdem gab es von ihnen das „Perlenhaarige Mädchen“ von Omega mit dem deutschen Text.

Den Abschluss bildeten die PRIMANER, eine richtige Rockband um den Gitarristen Matthias Gerber und „Fips“ Lehmann am Bass sowie „Jockel“ Förster an den Tasten. Die Jungs waren als Band bei den Weltfestspielen dabei und hatten es seinerzeit bis zu Rundfunkaufnahmen im Studio Cottbus gebracht, wo sie Gelegenheit hatten, drei eigene Titel aufzunehmen. Einen davon „Ich suche dich“ spielten sie an jenem Vormittag.
Als Fans von Santana und Deep Purple gab’s außerdem „Jingo“ und „Maybe I’m A Leo“ zu hören, die beide durchaus sehr anspruchsvoll für eine Live-Präsentation sind. Zum Ende coverten die PRIMANER das damals schon legendäre „How Gypsy Was Born“ von Frumpy, bei dem vor allem der Sänger, ein Typ aus Gröditz, dessen Name mir leider entfallen ist, sein können zeigen und „Jockl“ kräftig in die Tasten greifen konnte.
Glanzstück der PRIMANER und Abschluß des Konzerts bildete der „Banana Boat Song“ von Harry Belafonte in der Art, wie ihn damals die Klaus Renft Combo auch live präsentiert hatte.

Da die drei Amateur-Gruppen am Ende nur ihre Fahrtkosten bezahlt haben wollten und das Kino „Capitol“ von der vorgesetzten Dienststelle keine Miete forderte, blieb mir bei meinem ersten Versuch als Veranstalter ein finanzielles Fiasko erspart. Mitgenommen habe ich die Erfahrung, daß es höllisch Spaß macht, so etwas zu organisieren. Außerdem auch Erkenntnisse, wie es zukünftig besser zu machen geht, was ich ein paar Jahre später in Elsterwerda bei ROCK-MIX umsetzen und über viele Jahre mit Gleichgesinnten erfolgreich durchhalten konnte.

Alle drei Bands existieren heute nicht mehr. Walter Wolf lebt 79jährig in einem Dörfchen nahe Falkenberg und Jürgen Kluge gibt Klavierunterricht für Engel im Musikerhimmel.
Die PRIMANER sind in alle Himmelsrichtungen verstreut, Matthias nach Bayern und Fips in die Pfalz, und denken vielleicht manchmal auch an die vergangenen Zeiten, die uns alle irgendwie auch durch die Musik geprägt haben.

Geblieben ist mir persönlich die Erinnerung an einige wilde Jahre in der Kreisstadt sowie an ein paar Leute, die ebenso wie ich, mehr wollten als nur das, was sie vor die Nase gesetzt bekamen. Diese Sichtweise ist mir über die Jahrzehnte eigen geblieben und hat mir viele interessante Begegnungen, manch unvergessliche Stunde und auch einzelne Tiefschläge beschert. Nichts von alledem möchte ich missen, keine Panne, keinen Erfolg und auch kein Missgeschick.
Nur wer eine Vergangenheit hat, sich ihrer annimmt und damit umgeht, findet seinen Weg auch im Heute und kann zukünftiges mit eigener Erfahrung gestalten. An meine erste Konzertveranstaltung in einem Kino, das inzwischen abgerissen wurde, weil ein Sanieren und Betreiben angeblich zu teuer wäre, erinnere ich mich immer wieder gern.

Danke Matthias und Fips für die zusätzlichen Informationen und kleinen Details am Rande.


Angefügte Bilder:
Capitol Aufbau a.jpg
Capitol Aufbau_357_800.jpg
Capitol Saal_800_569.jpg
Capitol HH_799_544.jpg
Capitol Wolf Linge_800_529.jpg
Capitol Bläser_800_533.jpg
Capitol Club Quartett_800_533.jpg
Capitol Kluge_800_538.jpg
Capitol Primaner_800_546.jpg
Capitol Gerber_799_544.jpg
AK Primaner_800_507.jpg
zuletzt bearbeitet 14.10.2009 18:11 | nach oben springen

#2

RE: Vor 35 Jahren - mein erstes selbst organisiertes Konzert!

in Ostrock allgemein 14.10.2009 18:23
von Bernd (gelöscht)
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Lang ist es her und mir erscheint nur der Band-Name "Primaner" etwas dunkel in Erinnerung zu sein. Vielleicht lief ein Titel von ihnen im Radio, im Fernsehen...?
Und Hartmut schafft es immer wieder, tief in die Mottenkiste der Erinnerungen zu greifen und vor allem uns daran teilhaben zu lassen. Danke !

zuletzt bearbeitet 14.10.2009 18:24 | nach oben springen

#3

RE: Vor 35 Jahren - mein erstes selbst organisiertes Konzert!

in Ostrock allgemein 14.10.2009 20:36
von Mary (gelöscht)
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Danke Hartmut... - ich denke für so eine Art "Musik-Wanderweg" bist Du wohl eher zuständig...
Und Glückwunsch, dann hast Du ja JUBILÄUM!

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#4

RE: Vor 35 Jahren - mein erstes selbst organisiertes Konzert!

in Ostrock allgemein 14.10.2009 21:01
von Wodka (gelöscht)
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Gibt es eigentlich eine Möglichkeit so einem Ollen das Maul zu verbieten?

Na ja, es wäre sicher schade, aber muss es nun wirklich sein, dass Du, mein Hartmut, die Primaner ins Spiel bringst?

Also wenn ich mich so richtig erinnere, da in Liebenwerda, im "Haus der Wilden", da gab es damals 3 Möglichkeiten. Entweder man ging zu den grossen Bands, oder man stürmte das Haus wegen der Primaner, oder man kam nicht rein, weil da "Zyklon Mobil", eine sogenannte (Wander) Diskothek zum "Jugendtanz" aufspielte! -grins- Bei den "grossen" Bands war Stimmung, bei den Primanern, waren ja "Ortshelden", ging es ab und bei der "Disko" war kein reinkommen, selbst für den "Schallplattenunterhalter" war das schwer über den Haupteingang, und wenn er reinkam, dann wollten die Leute für ihn sammeln wenn er bis zur Theke kam, für ein paar Socken in die Jesuslatschen! -grins- So begann eine solche Show nach zig Mokka mit Wolke, einem Kaffelikör mit Sahne, und den daraus resultierenden Umdrehungen immer mit einem Kampf auf dem Weg zur Bühne, einem mit dem Rücken zum Publikum stehenden "Gammler" der sich umdrehte und sprach: "Bevor ihr Euch über mich aufregt, Look At Yourself, Uriah Heep!" -grins- (Für uneingeweihte, dieser "Schallplattenunterhalter" nannte sich damals Wodka und er spielte unter anderem "Free Jazz", Live mit Gitarre Bob Dylan und vorallem Klassik!)

Und der Olle fängt nun mit den Primanern an und mit „How Gypsy Was Born“, ich glaube es einfach nicht! Aber da er vom Sänger beeindruckt war, da lief das damals sicher ganz gut, auch ohne ...!

Also man müsste dem Kerl das Wort verbieten .... Danke Kerl, Du hast mal wieder Erinnerungen geweckt ....

Ein bisschen gerührt

Hans
den sie heute auch noch Wodka nennen

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#5

RE: Vor 35 Jahren - mein erstes selbst organisiertes Konzert!

in Ostrock allgemein 14.10.2009 21:43
von Kundi (gelöscht)
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Diese Beiträge mit den Erinnerungen unserer Kulturschaffenden Hartmut und Wodka sind für mich unerhaltend, spannend und lehrreich zugleich.Zu dieser Zeit(1974) war ich noch zu jung für die Tanz- und Konzertsäle;-)

LG Kundi

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