Altes Teichhaus und viel graues Rocker-Haar
So ein „Altes Teichhaus“ hat schon irgendwas besonderes, das man kaum beschreiben kann. Es ist eher mehr ein Gefühl, denn der alte Großteich, der mal dazu gehörte, ist schon seit fast 200 Jahren trocken, also ohne Wasser. Nur so ein Rinnsaal plätschert noch irgendwo durch die Gegend und unter der Zufahrtsstraße durch. Von der Hauptstraße bin ich abgebogen, wie sonst auch und als ich rechts zur Gasthaus abbiegen wollte, meinte so ein rotes Schild mit einem waagerechten weißen Balken, das sollte ich lieber nicht tun. Es ist dennoch passiert, denn ich hatte schon rechts eingeschlagen, dicht hinter mir fuhr ein mittelgroßer Kleintransporter, es hätte also geknallt, und nach Lomnitz wollte ich auch nicht, wegen der schlechten Erinnerungen an diesen Ort. Der Kleintransport hinter mir hat wütend gehupt, aber da war ich schon vor dem „Alten Teichhaus“. Entschuldigung, ich mache das nie wieder!
So ein „Altes Teichhaus“ zu besuchen, kann viele Gründe haben. Ein gutes Essen ist so ein Grund oder auch ein frisches Bierchen vom Faß, wenn es nicht gerade Radeberger ist. Doch das ist nur eine Frage des Geschmacks. Manchmal kann man in so einem Gasthaus auch Musik genießen, wenn es Musiker dorthin verschlagen hat. Zusammen mit dem guten Essen, dem Bier und den Live-Klängen, kann es dann auch sehr gemütlich und manchmal gemütlich und spät werden. Diesmal war es einfach nur so, dass mir die Kunde zu Ohren kam, ein „Alter Sack“ würde im „Alten Teichhaus“ seine Reise für ein paar Stunden unterbrechen. Dieses seltene Urgestein von einem Musikanten hatte ich schon lange nicht mehr gesehen und so nutzte ich die Chance, noch einmal in das Gesicht eines Mannes zu sehen, der so wahnsinnig viel erzählen könnte, wenn er denn wollte. Doch welches Medium interessiert sich heute für so eine Lebensgeschichte im neuen Deutschland des Jahrganges 2011? Also hab’ ich mich selbst noch einmal interessiert.
Die aus Interesse und Neugier ebenfalls ins „Alte Teichhaus“ kamen, kennen diese seine Lebensgeschichte. Manche gar bis in viele Einzelheiten aus jenen Zeiten, als eine Combo namens PUHDYS noch zum Tanz aufspielte oder als Harry geradeaus gefragt wurde, ob er denn auch mal mit seinen Jungs für ein Konzert auf dem Hutberg nach Kamenz käme. Meine Erinnerungen reichen zurück bis irgendwo Ende der 60er. Da wusste ich noch nichts vom „Alten Teichhaus“ nahe Dresden, kannte aber schon den Mann am Baß, in dessen Kapelle ich auch schon mal Herbert Dreilich oder Henry Kotowski die Gitarre zupfen sah, während ich zu den nachgespielten Songs von Heep bis Led Zep tanzte. Deshalb hab’ ich den Mann am Baß auch sofort wieder erkannt, wie er da am Ecktisch saß und mit einem jüngeren „Alten Sack“ sprach. Die Szene war damals noch halbwegs überschaubar und man kannte und traf sich. Meist nachts an der Autobahnraststätte in Freienhufen oder sonst irgendwo nach der Mugge.
An diesem Abend war das „Alte Teichhaus“ der Treffpunkt für HARRY und GEIGENHANS. Später hat sich dann noch einer EINGEHÄNGT, sich einen leckeren Mutzbraten geholt und ein Bierchen getrunken. Beinahe war mir wie in Braunsdorf oder zumindest wie ein Nachschlag vom Abend im Märchenwald, denn auch der „König der Welt“ hatte mit seiner Frau den Weg aus den dichten Wäldern bis zum Teichhaus gefunden. Gemeinsam mit der lieblichen „Prinzessin vom Striegistal“ übergab er dem beliebten fidel(nd)en Rockgeiger ein kleines Präsent.
Als die Dämmerung so langsam durch das Blätterdach vom großen Baum kroch, war der HARRY bereit, einige Fragen zu hören und ein paar tiefsinnige oder kurze Antworten darauf zu geben. Noch immer dieses stille schelmische Spitzbubenlächeln im Gesicht und noch so viel verdammt dichtes Haar auf dem Kopf, wie bei einem Pudel. Daher kommt ja auch Name: PUHDELS, mit dem „H“ vom HARRY.
Bis es endgültig dunkel und kühler wurde, hat dann der Ur-Puhdy, auf einer kleinen weißen Bank sitzend, noch gefühlte 758 Autogramme auf Fotos, Karten, Cover, Texte, Holzkonstruktionen und Unterarme geschrieben. Das hätte man sicher auch drinnen machen können, aber im aufkommenden Mondschein kam einfach mehr Romantik und Erinnerung auf, ohne die sich der betagte Rocker sicher nicht hätte hinreißen lassen, zu später Stunde noch zum Gesangsmikrofon zu greifen. Wir haben es, Dank einer stillen Prinzessin aus dem fernen Striegistal und einem rastlosen Teichhauswirt, erlebt und allein dafür, und für ein Wiedererkennen eines Bartträgers aus einem verbrauchten Bundes-Landstrich, hat sich der Aufwand und das Zusammensein mit guten Freunden in abendlichen Stunden bis Mitternacht gelohnt. Mir ist diese gelebte Realität gemeinsam verbrachter Zeit noch immer lieber, als die gefühl- und seelenlosen „Freundschaften“ digitaler Nullen und Einsen von „Gesichtsbuch & Co“.
Zwischen Bier, Bratwurst und einem duftenden Mutzbraten erklangen immer mal wieder die Fidelweisen des rockenden Geigers. Bei meinen Lieblingsstücken „Klassik“, dem „Ave Maria“ oder auch „Apokalyptika“ hab’ ich andächtig gelauscht, denn er ist nun mal ein virtuos rockender Geiger, der den ganzen Abend gemeinsam mit Udo Krause bis zur Mitternachtsstunde stets kurzweilig bleiben ließ. Da hatten sich die beiden Ur-Puhdys längst verabschiedet und im Gedanken weilten sie sicher schon beim großen Zwergen-Treffen auf dem Kamenzer Hutberg am nächsten Tag. Da und nur dort sollte es traurige Tränentropfen regnen, denn keiner weiß, ob so ein gemütlicher Teichhaus-Abend mit personifizierter lebender Rockgeschichte aus Pappe-Zeiten noch einmal zu wiederholen sein wird. Wenn doch, wäre ich gerne wieder dabei, um dem nagenden Zahn der Zeit für ein paar Augenblicke Paroli zu bieten.